19. Januar

Jesus spricht: Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben. Johannes 6,63

Geist und Leben – wahre Lebensmittel, die uns hier offeriert werden.
Geistlos, geistvoll – dazwischen jongliert unser Alltag.
Jesu Worte als Lebensmittel.
Die «Ich- bin-Worte» klingen hier an: «Ich bin das Brot, das Licht, die Auferstehung und Leben» – Jesu Worte, in diesen Zeiten erneut ein Überlebensmittel.
Friedfertige Worte, wegweisende.
Vorworte zum Leben, Leitworte.
Johannes lässt Jesus hier in angegriffener Situation sprechen, der weitere Jüngerkreis schenkt ihm nach vielen Wundern nicht mehr genügend Glauben. Die Gnosis, eine spiritualistische Bewegung, hatte zur Zeit der Abfassung des Evangeliums so manchen erfasst.
Im Johannesevangelium zeichnet sich das Ende, das vorläufige, des Lebens Jesu schnell ab. Er weiss früh, auch im Jüngerkreis sitzt ein Verräter.
Die Losung grenzt sich ab, gegen geistloses, sinnentleertes, man könnte auch sagen materialistisches Gerede und Tun der Umwelt.
Wahre Spiritualität lebt durch die Rückbindung zu Gott, lässt Gott in Christus durchsichtig und begreifbar werden, mitten im Alltag der Welt.

Von: Johanna Zeuner

18. Januar

Der HERR spricht: Frieden mache ich zu deiner Wache und Gerechtigkeit zu deiner Obrigkeit. Jesaja 60,17

Was für eine Aussicht: Frieden als Wache, also nicht nur als Abwesenheit von Krieg, sondern als aktive Kraft, die Sicherheit schafft; Gerechtigkeit als Obrigkeit, die aller Unterdrückung und Ungleichheit ein Ende macht.
Während ich diese Zeilen schreibe, tobt in der Ukraine seit vier Jahren ein mörderischer Krieg. Die letzten in Gaza noch lebenden Geiseln sind zwar frei, aber der Waffenstillstand ist sehr fragil. Frieden? Gerechtigkeit? Ein schöner Traum.
Während ein namenloser Prophet in nachexilischer Zeit seinen Traum von Frieden und Gerechtigkeit in Worte fasst, sprechen alle äusseren Umstände dagegen. Mit grossen Hoffnungen sind sie nach Jahrzehnten des Exils nach Hause gekommen. Blühende Landschaften hatten ihnen einige Propheten im Exil versprochen, aber die Gegenwart war trist und grau. Frieden? Gerechtigkeit? Ein schöner Traum.
Als Martin Luther King 1963 seinen Traum träumte, dass seine vier kleinen Kinder eines Tages nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt würden, war die Wirklichkeit meilenweit davon entfernt. Er hat die Erfüllung seines Traums nicht mehr erlebt. Aber fünfzig Jahre nach seiner Rede war ein Bürger mit afrikanischen Wurzeln Präsident der Vereinigten Staaten.
Gottes Verheissungen erfüllen sich oft anders als gedacht; aber sie gehen mit uns, sie verändern uns und unsere Wirklichkeit. Daran will ich mich halten und den Traum von Frieden und Gerechtigkeit weiter leben. Wenn Gott will, bleibt es kein Traum.

Von: Armin Schneider

17. Januar

Der HERR ist deine Zuversicht. Psalm 91,9

Der ganze Psalm ist ein Text über den Schutz, den der Glaube verleiht. Einerseits wird Gott besungen als ganz konkreter Zufluchtsort, als Burg, als Schutzmauer, als Refugium im Gebirge. Und andererseits als ein Denken und Fühlen, das Sicherheit und Ruhe gibt, hier als «Zuversicht». Dieses alte und auch schon altdeutsche Wort ist noch zielgerichteter als das umfassendere, aber diffusere Wort «Hoffnung». Es bezieht sich auf etwas, das unmittelbar in der Nähe ist. Etwas, worauf ich bauen und mit Gewissheit davon ausgehen kann, dass es da ist oder gleich kommt.
Etwas, das ich gewissermassen schon zu «sehen» vermag, dessen Nähe ich deutlich fühle. Gott ist es, dem ich mich nahe fühlen kann. Und der mir Schutz und Sicherheit gibt vor allem, was mich bedrängt. Und vor allen, die mir zu nahe kommen oder die etwas von mir wollen. Dieser Zuversicht kann ich mich ergeben, in sie kann ich mich fallen lassen und weiss mich aufgehoben, geborgen, eben: geschützt. Der Psalm wird an dieser Stelle noch direkter: «Den Höchsten hast du zu deinem Hort gemacht, dir wird kein Unheil begegnen … denn er wird seinen Boten gebieten, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Auf den Händen werden sie dich tragen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stosse.» (Verse 9–12)
Wer auf Gott vertraut («Zuversicht» wird auf Englisch wie Französisch übersetzt mit «confidence/confiance»), ist stark beschützt!

Von: Hans Strub

16. Januar

Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist. Sacharja 8,23

Wie viele Familien und Volksgruppen, die vor kurzem oder vor längerer Zeit aus ihrer Heimat fliehen mussten, wären glücklich, wenn ihnen heute ein Sacharja seine Visionen erzählen würde! Es sind «Nachtgesichte», die von einer Wiederherstellung des Tempels in Jerusalem reden, vom Wiederaufbau des Zentrums jenes Volkes also, von dem Teile seinerzeit in die babylonische Gefangenschaft weggeführt worden sind. Die Vertriebenen können heimkehren! Und nicht nur sie: Andere, viele, werden sich ihnen anschliessen und mitgehen auf dem Weg in eine neue Ära. Sie haben davon gehört, dass eine neue Zeitrechnung beginnt, weil Gott selbst dabei ist. Es ist eine durchaus kühne Hoffnung, von der der hebräische Prophet spricht. Aber die Menschen zu allen Zeiten brauchen solches Reden, um die ganz andere Gegenwart bestehen zu können. Um über das hinauszusehen, was ist – wenigstens für einige Augenblicke. Aber in diesen Augenblicken bricht das Bild einer anderen Welt durch die umgebende Finsternis; ein Bild, an das ich mich halten kann. Hoffnung hat viele Gestalten; manchmal ist sie wie ein (Gedanken-)Blitz, in dem verdichtet eine Zukunft aufscheint, die möglich ist. Er überstrahlt nur ganz kurz die Realität, aber er kann ermutigen und Kraft geben. Sacharja wollte das, Gott gab ihm die Visionen, viele hörten sie und schöpften daraus Energie zum Leben.

Von: Hans Strub

15. Januar

Kommt herzu, lasst uns dem HERRN frohlocken und jauchzen dem Hort unsres Heils! Psalm 95,1

Kommt herzu!
Eine Freundin von mir reagiert zurückhaltend auf diesen Vers: «Es nervt mich, dass wir Gott immer loben sollen.»
Wir schauen auf die Welt und sehen viel Ambivalentes.
Geben wir dem «HERRN» nicht zu viele Vorschusslorbeeren, wenn wir «ihm» zujubeln? Wo ist der Frieden, den «er» uns verspricht? In unserem Herzen? Da hätte ich mir noch mehr erhofft!
Der Hort des Heils – mehr Sehnsuchtsort als Realität?
Wobei gerade ein Sehnsuchtsort sehr real sein kann. Der «Hort des Heils» wird in der Zürcher Bibel zum «Fels unserer Hilfe», ein Fels in der Brandung.
Ach, wie sehne ich mich nach diesem Felsen, Gott, in den Stürmen meines Lebens, im Tosen dieser Welt. Dass du da bist, tröstet mich, ich halte mich an dir fest, du Ewige.
Und ich bin nicht allein, da sind andere, die sind auch da und jauchzen vor Freude über die Erfahrung, dass sie gehalten werden. Sie halten mir die Hand hin und rufen: «Kommt herzu!»
Zögerlich stimme ich in den Gesang mit ein, lasse mich anstecken von der Freude, lege die Skepsis für einen Moment ab und frohlocke dir, Gott, du ewiger Fels in der Brandung, du Sehnsuchtsort und doch so nah.

Von: Jonas Meier

14. Januar

Der Engel des HERRN lagert sich um die her,
die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.
Psalm 34,8

Der «Engel des Ewigen» tritt auf in zentralen Geschichten der Bibel, unter anderem bei Hagars Flucht (Genesis 16), Abrahams Opfer (Genesis 22), dem brennenden Dornbusch (Exodus 3). Immer ist seine Identität schillernd: Ist der Engel ein vom Ewigen unterschiedener Gesandter? Oder ist es der Ewige selbst, der da erscheint? Vielleicht sind der «Ewige» und der «Engel des Ewigen» zwei Seiten desselben: Gottes Ferne und Nähe, die Transzendenz und Immanenz der Gottheit. Der Engel symbolisiert Gottes Zuneigung, der Ewige die göttliche Souveränität und Unverfügbarkeit.
In der heutigen Losung manifestiert sich der Ewige als Anführer eines himmlischen Heers, das sich um mich herum «lagert», mich bewahrt, behütet, beschützt; das entsprechende Partizip im hebräischen Urtext meint, übrigens, einen Zustand: Bei Tag und bei Nacht bin ich umgeben von guten Mächten.
Die Aussage gilt für jene, die ihn – den Ewigen – «fürchten», ihn mehr als alles andere in Respekt halten, mehr als alle irdische Ehre und Macht, als Karriere, Reichtum, Erfolg. Die «Gottesfurcht» führt – das ist die Verheissung der heutigen Losung – zu innerer Furchtlosigkeit und Freiheit: Da ist dieses himmlische Heer, das um mich herum «lagert»; da ist dieser Engel, der mir «heraushilft» aus all dem, was meine kleine Seele beengt.

Von: Andreas Fischer

13. Januar

Jesus sprach: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Johannes 14,23

Jesus, der Christus, erklärt sich den Seinen: Wer er ist; wohin er geht; was sein Auftrag, seine Bestimmung ist. Er will sie vorbereiten auf die Zeit, wenn er nicht mehr leibhaftig unter ihnen ist. Er will ihnen Mut machen, sie bestärken in ihrem Selbstvertrauen und ihrer Eigenständigkeit. Aber die Jüngerinnen und Jünger verstehen nicht. «Rabbi, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir da den Weg kennen?» (Vers 5). «Und wie kommt es, dass du dich uns und nicht der Welt offenbaren willst?» (Vers 22)
Mir sind die Jüngerinnen und Jünger sympathisch in ihrer Begriffsstutzigkeit, mit ihren Zweifeln und Fragen, ihrer Verzagtheit. Wer kann wirklich verstehen, was gerade geschieht?
Jesu Antwort verweist sie (und uns) auf das Leben im Hier und Jetzt. Ihm nachfolgen heisst: lieben und Wort halten, seine Worte bewahren und tun; sie unter die Leute bringen als Liebes- und Lebenspraxis: sehen, was andere brauchen, nicht wegschauen; aufmerksam sein füreinander und miteinander; zuvorkommend und rücksichtsvoll einander begegnen…
Es gibt viele Weisen zu lieben, nicht als Gefühl, sondern als soziale und spirituelle Praxis.
Gottes Geistkraft, die unter uns lebendig und wirksam ist, stärke uns Mut, Kraft und Phantasie dazu. (s. Vers 26).

Von: Annegret Brauch

12. Januar

HERR, es ist dir nicht schwer, dem Schwachen
gegen den Starken zu helfen.
2. Chronik 14,10

Asa, König in Juda, ruft angesichts der überlegenen Heeresmacht der Kuschiten (aus dem Gebiet des heutigen südlichen Ägypten) Gott um Hilfe an: «HERR, ausser dir ist keiner, der helfen kann im Kampf zwischen einem Starken und einem Kraftlosen (so texttreuer die Zürcher Bibel). Hilf uns, HERR, unser Gott, denn auf dich stützen wir uns …»
… und kaum vorstellbar: Das Heer aus Kusch unterliegt.
Überall in der Bibel finden sich Erzählungen, in denen die vermeintlich Starken und Mächtigen unterliegen: der Riese Goliath dem Hirtenjungen David; das grosse Kusch dem kleinen Juda; der einflussreiche Richter gegenüber der armen Witwe (Lukas 18,1 ff.).
Für mich sind das Hoffnungserzählungen. Sie zeigen Möglichkeiten gegen das vermeintlich Erwartbare, gegen den Augenschein, gegen Passivität und Gleichgültigkeit. Gerade in diesen Tagen, wo die Lauten, Machtgierigen, Skrupellosen sich und ihre Interessen rücksichtslos durchsetzen, brauche ich sie dringend. Denn es ist auch «die Trägheit der Herzen, die Feigheit bei den kleinen Entscheidungen im Alltag» (Uwe Timm), die den Mächtigen erlaubt, mächtiger zu werden.
Deshalb erinnere ich mich jeden Tag:
«Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.»
(2. Timotheus 1,7)

Von: Annegret Brauch

11. Januar

Gott, der HERR, der Mächtige, redet und ruft der Welt zu vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang. Psalm 50,1

Vom Aufgang der Sonne geht es im Dreiklang hinauf zum Zenit der Oktave, bis die Sonne wieder untergeht und im selben Dreiklang zum Grundton sinkt. Und dann noch einmal! Jetzt geht es in kleineren Tonschritten beschwingt die Leiter hinauf und wieder hinunter.
«Vom Aufgang der Sonne» (RG 69/EG 456) ist ein beliebter vierstimmiger Kanon, der den Tageslauf musikalisch nachempfindet und mit der Zeile «Gelobt sei der Name des Herrn!» endet. Das ist zwar beschaulich und erbaulich, verkürzt jedoch den Psalm, der davon singt, was Gott den lieben langen Tag der Welt zu sagen hat. An die Frommen geht die Botschaft: «Glaubt nur ja nicht, dass ich auf eure Schlachtplatten und Blutwürste angewiesen bin. Ich habe genug zu essen. Bringt mir lieber Dankopfer und ruft mich an in der Not!» Den Frevlern hält Gott eine Standpauke: «Redet nicht falsches Zeugnis und verachtet das Gesetz nicht. Passt besser auf. Mit mir ist nicht zu spassen.»
Das muntere Loblied, das die Sonne auf- und untergehen lässt, spart also die Zwischentöne aus, die an Gottes Gerechtigkeitssinn erinnern.
Stört es den Wohlklang?
Ich finde nicht.
C’est le ton qui fait la musique!

Von: Ralph Kunz

10. Januar

Hab acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre
in diesen Stücken! Denn wenn du das tust, wirst du dich selbst retten und die, die dich hören.
1.Timotheus 4,16

Die Zeile aus dem Brief, vermutlich eines Paulusschülers, der an den Episkopus (Vorsteher) der Gemeinde in Ephesus adressiert ist, gehört zu den Pastoralbriefen. Sie sind in der zweiten und dritten Generation der frühen Kirche entstanden. Sowohl Absender als auch Adressat sind fiktiv, das heisst, der Brief ist ein Pseudoschreiben, das nicht aus der Feder des Paulus stammt und über Ephesus hinaus auch in anderen Gemeinden Kleinasiens gelesen werden soll. Auffällig ist der Nachdruck auf die rechte Lehre. Das tönt streng. Der Grund wird in den ersten Versen des Kapitels genannt: Es gab offensichtlich «Lehren von Leuten, die sich verstellen und die Wahrheit verdrehen» (Vers 3). Sie warnten vor dem Genuss bestimmter Speisen und hatten ihre Vorstellung einer heilsnotwendigen Diät. Das tönt ziemlich aktuell. Ich denke an (superstrenge) Veganer und weiss nicht, ob ich es beruhigend oder beunruhigend finde, dass sich schon unsere Vorfahren nicht einig waren, was ihnen guttut und was nicht. Wenn man mir mein Fondue verbietet, hört bei mir jedenfalls der Spass auf. Darum bin froh, hat es der Timotheusbrief ins Neue Testament geschafft. Die Lehre bringt es ziemlich gut auf den Punkt: «Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen wird.» (Vers 4) Alles andere wäre Käse, oder?

Von: Ralph Kunz