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Der Mittelteil dieser Ausgabe: Sep. / Okt. 2017

Freiwillige vernetzen und vermitteln

Alma ist 17, sie lebt in Aarau und macht dort auch eine Lehre. Während Jahren war sie Leiterin bei der Pfadi, aber jetzt sucht sie eine andere Einsatzmöglichkeit für ihr freiwilliges Engagement. Vielleicht etwas mit jungen Flüchtlingen?
Alma geht auf die Website www.engagiert.jetzt. Sie wählt ein Einsatzgebiet aus, das sie interessieren würde: Sport? Warum nicht? Oder doch lieber Freizeitaktivitäten? Dann gibt sie ihren Wohnort ein und bestimmt im nächsten Feld den Umkreis, in dem der Projektort liegen sollte – nicht mehr als 20 km. Und dann: «Suchen».
Alma hat Glück: Sechs Angebote werden aufgeführt, ausser einem alle in Aarau. Das Jugendrotkreuz beispielsweise sucht Mentorinnen und Mentoren und auch Gesprächspartner für «Inputabende». Aber am meisten interessiert Alma das Projekt «UMA – Leben und lernen». Es bietet, so heisst es hier, UMAs im Alter von 16 bis 18 Jahren eine Tagesstruktur mit Bildung an.
UMA – Alma gibt das Wort auf Google ein: Nein, es kann sich nicht um die Schauspielerin handeln und auch nicht um eine hinduistische Göttin. Aber da steht auch noch: unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Der Projektbeschrieb stellt die Aufgaben der gesuchten Freiwilligen vor: Es gehe um Deutsch- und Mathematikunterricht und um das Vermitteln von Alltagskompetenzen – «Kochen, Werken, Zeichnen oder Töpfern, wo das gemeinsame Erarbeiten von Wissen und Werken, Informationen über Hygiene und sportliche Aktivitäten in der Gemeinschaft im Vordergrund stehen».
Alma liest weiter, aber eigentlich weiss sie schon: Das versuche ich. Sie wird sich in das Formular auf der Website eintragen. Ob sie einmalig, regelmässig oder gelegentlich Aufgaben übernehmen wird, das wird sich nach dem ersten Kontakt zeigen.
Frank S. hat bis zu seiner Pensionierung vor drei Jahren als Journalist gearbeitet. Jetzt will er all das tun, was er sich für seinen «Ruhestand» vorgenommen hat. Zum Beispiel einen freiwilligen Einsatz im Asylwesen leisten. Auch er sucht die Website www.engagiert.jetzt auf – ein Projekt für Sprachvermittlung, das würde ihn interessieren. Er wählt also «Sprache» aus, gibt als Wohnort «Langnau i. E.» an, mit einem Umkreis von 50 km. Aber: «Leider gab Ihre Suche keine Ergebnisse.» Aha, im Emmental muss ausgeschrieben werden. Jetzt zeigt sich das Projekt «REDZEIT – Sprachtandem», allerdings in Bern, das ist doch recht weit weg. Frank klickt sich durch die weiteren Angebote. Gibt es denn im gesamten Emmental keine Flüchtlingsprojekte? Oder sind sie einfach noch nicht auf dieser Website angemeldet? Er will weitersuchen und mithelfen beim Vernetzen und Verlinken.

Freiwillige mit zu ihnen passenden Einsatzprojekten zusammenbringen, das ist das Ziel von engagiert.jetzt. Die Idee, eine solche Internetseite zu schaffen, hatten einige Frauen und Männer, die beruflich oder als Freiwillige in der Flüchtlings­arbeit tätig sind. Sie hatten festgestellt, dass bei den grossen Hilfswerken wie Caritas oder Heks viel mehr Menschen ihre Hilfsbereitschaft signalisierten, als eingesetzt werden konnten. Kleinere und spontan entstandene Gruppierungen jedoch hatten Mühe, in der Bevölkerung Unterstützung zu finden.
So entstand der Verein «plattform f», der die Website ­
www.engagiert.jetzt verantwortet. Diese will Hilfsorganisationen, Gruppierungen, spontane Initiativen bekannt machen und in Verbindung bringen mit Freiwilligen, die sich im Asylbereich engagieren möchten. Auch Veranstaltungen der Organisationen können so ausgeschrieben werden. Weil das Angebot noch neu ist, braucht es besondere Aufmerksamkeit. Denn je mehr Organisationen auf dieser Website ihre Projekte und Einsatzmöglichkeiten vorstellen, desto besser funk­tioniert es. Umso grösser ist die Chance, dass Freiwillige auf der Suche nach einer Aufgabe auch das finden, was ihnen entspricht, sowohl inhaltlich als auch zu ihrer Lebenssituation passend.

Der Lancierung der Website ging eine lange Aufbauzeit voraus. Die wichtigsten Hilfsorganisationen mussten kontaktiert, technische und administrative Fragen geklärt werden. Welche Organisationen sollen miteinbezogen werden? Wie findet man das nötige Geld? Wer gestaltet eine gute Website zu einem erschwinglichen Preis?
Abklärungen, Sitzungen, Verhandlungen aller Art waren nötig – wohlverstanden immer in Freiwilligenarbeit. Bei Verhandlungen mit Heks zeichnete sich dann die Lösung ab, dass die Website unter der Adresse www.engagiert.jetzt in die Kampagne «Farbe bekennen» aufgenommen und von dieser Internetseite aus verlinkt und propagiert wird.

Das Angebot wächst zusehends. Zum Erfolg können alle beitragen, die an der Flüchtlingsarbeit interessiert sind. Sei es, dass sie sich selber bei einem der angebotenen Projekte melden, sei es, dass sie andere interessierte Freiwillige, Organisationen und Gruppen auf diese Vernetzungsmöglichkeit hinweisen. Wer die Seite besucht und ausprobiert, wird staunen, wie viele und originelle Einsatzmöglichkeiten in der Schweiz existieren, was alles sich Menschen haben einfallen lassen, denen das Schicksal von Flüchtlingen am Herzen liegt. Und es gibt noch viel mehr. Nur muss es erst noch gemeldet werden!

Käthi Koenig
 

 

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