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Der Mittelteil dieser Ausgabe: März / Apr. 2017

Der stumme und der redende Gott

Eine Bedingung dafür, dass Menschen im Leiden nicht unverwandelt bleiben, dass sie nicht blind und taub werden für die Schmerzen anderer, dass sie vom blossen passiven Erdulden zum produktiven humanisierenden Leiden kommen, ist die Sprache. Aber weichen wir dem Nachdenken über das Leiden nicht aus, wenn wir es in die Sozialität, in die Sprache zurückzubinden versuchen? Eine der wesentlichen Erfahrungen des Leidens ist doch gerade seine Asozialität, die Auflösung von Bindungen, die als gültig und tragfähig galten. Unter einem Leidensdruck zu stehen, bedeutet immer, mehr und mehr zu vereinsamen. Die griechische Tragödie schildert diesen Prozess, in dem die Beziehungen sich nacheinander auflösen und der einzelne reduziert wird auf sich selber. Aber dieser Prozess bedeutet in der Tragödie keinen Sprachverlust. Der Alleingelassene wendet sich zu den Göttern oder an die Mächte der Natur, oder er spricht mit sich selber. Der Monolog ist nicht nur eine dramaturgisch notwendige Sprachform, sondern er entsteht aus dem Verständnis des Leidens, das die Tradition entwickelt hat und das die Fähigkeit des Lernens und der Veränderung als das entscheidende Moment des Leidens begreift.
Thomas Müntzer hat einen seiner Aufrufe mit den Worten unterzeichnet: «Thomas Muntzer will keinen stümmen, sunder einen redenden Gott anbeten!» Er meint damit das «lebendige Wort Gottes aus Gottes Munde selber» und nicht nur die «unerfahrene Bibel», die nur einen «gedichteten», einen fiktiven Glauben bedeutet. Aber die Überwindung des «stummen Gottes» ist nicht auf den Streit um das Schriftprinzip der Reformation begrenzt, der stumme Gott herrscht auch heute, wenn die Apathie Menschen dazu bringt, es nicht für wert zu halten, ihren Schmerz und ihr Leben zu formulieren. ( …) Der stumme Gott setzt den tauben, den taubstumm gemachten Menschen voraus.
Das Leiden muss Sprache finden und benannt werden, und zwar nicht nur stellvertretend für viele, sondern in persona von den Leidenden selber. Es ist notwendig, dass Menschen zum Sprechen kommen, um nicht vom Unglück zerstört oder von der Apathie verschluckt zu werden. Es ist nicht wichtig, wo und in welchen Formen das geschieht, aber dass Menschen sich formulieren können, oder besser, sich ausdrücken lernen, was die nichtsprachlichen Möglichkeiten der Expression einschliesst, davon hängt in der Tat ihr Leben ab; ohne die Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren, kann es keine Veränderung geben, das Verstummen, die totale Verhältnislosigkeit ist der Tod.

Eine der traditionellen Möglichkeiten der Selbstformulierung ist heute wie verschüttet: das Gebet. Die Fähigkeit, in einen Dialog mit sich selber einzutreten, erscheint immer mehr Menschen als sinnlos und überflüssig. Dies wäre nicht weiter problematisch, wenn es andere, neue Möglichkeiten, sich zu formulieren, sich auseinanderzusetzen und – was aber das Reden voraussetzt – zu schweigen gäbe. Wenn also der Verlust des Gebets keine Verarmung bedeutete, wenn Selbstgespräch, Dialog und Diskussion all das enthielte, was einst als Gebet gesagt, gestammelt, geschrien, geflucht und gewünscht wurde. Aber ist dies der Fall? Sind nicht umgekehrt der Reichtum der Expressivität und die Kraft des Wünschens geringer geworden? Hat nicht wachsende Apathie uns stummer gemacht? Hat nicht zum Beispiel in den Massenuniversitäten, aber auch in den Grossraumbüros die Isolierung zugenommen und die Angst voreinander, so dass die Kommunikation geringer ist? Und hat nicht die disziplinierende Kälte technischer Abläufe auch unsere Wünsche diszipliniert, so dass auch das Selbstgespräch verstummt? Zwar findet der Dialog des Menschen mit sich selber weiter statt. Das Gespräch zwischen dem Ich und dem Ich-Ideal ist nicht zu ersetzen oder abzulösen, es vollzieht sich weiter auch bei denen, die nicht beten in dem Sinne, dass sie sich an ein himmlisches Wesen bittend wenden. Die Frage, welche Weltanschauung einer hat, ob er theistisch oder nichttheistisch denkt, ist unwesentlich; entscheidend ist, wer der Partner im Dialog des Menschen ist, Christus oder Mammon oder die eigene Vitalität. «Je nachdem, wer mitzureden hat, wer also im christlichen Sinn der ‹Gott› des Betenden ist, wird das Ergebnis (die im Gebet erfolgte Veränderung des Betenden und seiner Welt) ein anderes sein.» (Marie Veit) Wenn Menschen ihr Leben als schicksalhaft gegeben erfahren, so haben sie mit dem stummen Gott zu tun, und ihr Gebet kann nur auf das Sich-Abfinden hinauslaufen. Der stumme Gott bringt vor allem die Wünsche der Menschen zum Schweigen. Nach Jean Paul ist Beten «Wünschen, nur feuriger». Es verlangt eine äusserste Anspannung der Seele, eine Konzentration nicht nur des Willens und der bewussten Rationalität, sondern aller unserer seelischen Kräfte. Simone Weil hat diese vielleicht wichtigste Tugend, die durch Übung erlernbar ist, die «Aufmerksamkeit» genannt, die «den Abstand zwischen dem, was man ist, und dem, was man liebt, unablässig vor Augen hat», die Aufmerksamkeit, aus der das schöpferische Vermögen entspringt und die auf ihrer höchsten Stufe das Gleiche ist wie das Gebet: «Die von jeder Beimi­schung ganz und gar gereinigte Aufmerksamkeit ist das Gebet.»

Der Glaube tut hier, wie so oft, nichts zu einer vollständig und in ihrer Tiefe erfassten Realität hinzu, er bietet diesem in der rückhaltlosen Aufmerksamkeit vollzogenen Gespräch nur Hilfe an: Sprachformen und Überlieferungen des Gebets, und er überführt dieses Gespräch des Menschen mit sich selber in den Stand der Bewusstheit, er bietet ihm in den überkommenen Sprachformen und der Tradition Hilfe an, vor allem aber unterscheidet er durch den Partner Christus die wahren von den falschen Bedürfnissen und gibt so dem zunächst natürlichen Gebet eine Tendenz, die umfassender ist als die privaten Wünsche, weil sie «das kommende Reich Gottes» meint.
Der Verlust des Gebets gehört, so verstanden, nicht in die Befreiungsgeschichte der Menschen, die sich aus unbegriffenen Zwängen lösen. Er ist nicht ein Fortschritt in aufgeklärtem Bewusstsein, sondern nur ein Produkt jener Arbeitsteilung, die Menschen in ein Bündel von Funktionen verwandelt. Die schöpferische Fähigkeiten und die Möglichkeiten einer zweckfreien Expression, die im Gebet potenziell allen offenstanden, werden nun wenigen Spezialisten zugewiesen. In der Industrialisierungsgesellschaft ist darum Beten «in sich ein subversiver Akt – ein Akt der ‹unverschämten› Selbstbehauptung gegenüber dieser Welt» (Marie Veit), ein Akt, in dem Menschen ihre Wünsche zu formulieren wagen und insofern anders mit ihrem Leiden umgehen, als die Gesellschaft es ihnen anempfiehlt.
Beten ist ein ganzheitlicher Akt, in dem Menschen den stummen Gott einer apathisch erlittenen Wirklichkeit transzendieren und zum redenden Gott einer pathetisch in Schmerz und Glück erfahrenen Wirklichkeit hingehen. Mit diesem redenden Gott hat Christus in Gethsemane gesprochen.

Dorothee Sölle: Leiden. Kreuz-Verlag Stuttgart, 1973
Aus Kapitel III: Leiden und Sprache, Kreuz-Verlag Stuttgart, 1973

 

 

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