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Der Mittelteil dieser Ausgabe: Juli / Aug. 2017

Sexismus überwinden — Über ein neues feministisches Lernprojekt

«Gäbe es nicht immer wieder Frauen, die vom Sexismus profitieren, wäre er nicht so ein Problem.» So Hazel Brugger, die scharfzüngige Schweizer Sprachkünstlerin unlängst im TagesAnzeiger-Magazin. Ich muss gestehen, das Statement hat mir einen Stich gegeben. Es reproduziert ein altes Muster, nämlich die Schuld für Missstände bei deren Opfern zu suchen. Also Frauen selbst verantwortlich zu machen für den fortdauernden Sexismus, das heisst die strukturellen Hindernisse und vielfältigen Diskriminierungen auf Grund des Geschlechts.
Dabei wissen wir: Sexismus wird nicht verschwinden, indem wir uns über seine Profiteurinnen lustig machen. Dazu braucht es weiterhin Engagement von Frauen (und Männern) und solides Wissen, wie Zuschreibungen auf Grund des Geschlechts entstehen.

Momentan gibt es Anzeichen, dass sich Frauen neu formieren, um das nicht vollendete Projekt der Emanzipation weiterzutreiben. Auch in der Schweiz.
Kürzlich hat in Zürich ein Team von Fachfrauen verschiedener Generationen den Verein fem! – feministische fakultät gegründet, der an diese Situation anknüpfen und in einem Lehrgang Analysen und Handlungsmöglichkeiten von Frauen für Frauen erkunden will.
Er versteht sich auch in der Nachfolge des European Women’s College (EWC), an dessen Gründung 1994 Boldern massgeblich beteiligt war und das über ein Jahrzehnt lang vielbeachtete feministische Bildungsprogramme anbot. Gleichzeitig ist fem! aber auch als eigenständiges und eigensinniges Projekt zu verstehen, das aus heutigen Bedürfnissen entstanden ist.
Reinhild Traitler hat die Vorstandsfrauen der neuen Initiative befragt:
Braucht es das noch, einen feministischen Lehrgang?
Welche konkreten Erfahrungen bewegen Frauen heute?


Interessanterweise waren es die beiden jungen Frauen im Vorstand, die auf die vielfachen strukturellen Ungleichheiten verwiesen, denen Frauen noch heute ausgesetzt sind.

Laura Lots und Léa Burger
Frauen* leisten den Löwinnenanteil der unbezahlten Care-Arbeit. Altersarmut ist weiblich. Alle drei Wochen stirbt in der Schweiz eine Frau* an den Folgen häuslicher Gewalt. In den Gemeinderäten und Kantonsparlamenten, im National- und Ständerat sind Frauen* unterrepräsentiert. Jede fünfte Frau* in der Schweiz erlebt im Lauf ihres Lebens sexualisierte Gewalt. Ein Sexist wie Trump ist US-Präsident. Noch Fragen?
Dabei wird uns weisgemacht, dass Frauen* und Mädchen heute alles erreichen können: Kinder haben, Karriere machen, nebenher die Welt retten, dabei blendend aussehen und tiefenentspannt sein. Wenn wir das nicht schaffen, suchen wir die Schuld bei uns – statt in den sozialen und ökonomischen Strukturen, die Frauen* im grossen Stil benachteiligen. Immer mehr Frauen* (und auch Männer*!) merken, dass etwas faul ist im System, und lernen gemeinsam, sich dagegen zu wehren.

Reinhild Traitler
Wie sehen das unterschiedliche Frauengenerationen? Frauen über 50, Frauen unter 30, und die dazwischen in der Noch-Familienphase oder Schon-Scheidungsphase oder Karrierephase oder alles zusammen?

Zita Küng
Wir fünf von der fem! sind schon eine generationen-, berufs-, familien-, karrieregemischte Gruppe. Es ist also dieser Mixblick, der unseren feministischen Aufbruch inspiriert. Wir haben keine flächendeckende Marktstudie gemacht, aber die Gespräche, die wir im Vorfeld der fem!-Gründung geführt haben, bestärkten uns, dass es für Frauen* – egal in welcher Lebensphase sie sind – eine tolle Möglichkeit zur Reflexion und Selbstreflexion wird. Und davon können wir ja nicht genug haben!
Reinhild Traitler

Die Themen, die ihr bearbeitet, sind in etwa die gleichen, die in Frauenbildungsprojekten seit langem bearbeitet werden. Was ist heute anders? Welche Rolle etwa spielen kulturelle Unterschiede der Frauenbewegungen (Stichwort: islamischer Feminismus, schwarzer Feminismus, Situation von Migrantinnen)? Die Genderdebatte?
Zita Küng

Selbstverständlich finden alle theoretischen Konzepte, die in der Geschlechterfrage entwickelt wurden, im Lehrgang der feministischen fakultät ihren Platz.
Theoretisch abgestützt ist aber eines, für die Praxis relevant ist das andere. Da liegt uns viel daran.
An der feministischen fakultät wird mit Begeisterung und im Austausch gelernt. Die Referent*innen sind sich bewusst, dass die Student*innen mit allen Sinnen lernen und gestalten, die Thementage sind entsprechend vielfältig. Das muss auch so sein, weil wir nicht ausschliesslich Frauen* mit akademischem Hintergrund im fem!-Lehrgang haben werden: Das geteilte Wissen wird also auf vielfältige Art zugänglich.

Jede Frau* arbeitet für sich heraus, was für ihr Leben heute wichtig ist und wie sie damit auf die Welt einwirken möchte. Dieser doppelte Blick hinein – hinaus, ist bedeutungsvoll. «Der Lustverlust der Frauen* an der Welt» (Christina Thürmer-Rohr) soll unbedingt gestoppt und gewendet werden!

Reinhild Traitler
Was hat euch bei eurer Initiative inspiriert und ermutigt?

Erika Bachmann
Die eigenen, überaus wertvollen Erfahrungen aus dem Stu­diengang des EWC. Die Entdeckung, welchen Einfluss die Sozialisierung auf mein Leben ausübt. Mich selbst zu ermächtigen, mir Definitionsmacht anzueignen. Die Entdeckung, wie frei von Eifersucht und wie erfüllend gemeinsames Handeln von Frauen* sein kann. Die Verbindlichkeit unter uns, die während dieser Zeit entstand. Zu beobachten, wie Frauen* an Stärke gewannen und Entscheidungen trafen, vor denen sie sich bisher scheuten. Grosse Momente, die sich – Lichterketten gleich – aneinanderreihten und mich bis heute bereichern! Diese Möglichkeiten wieder bereitzustellen, inspiriert mich.

Ortrud Gämlich
Das EWC war in meinen Augen eine der besten Weiterbildungen, die ich je besucht habe. Ich habe so viel Mut daraus geschöpft.
Highlights sind auch im fem!-Studiengang der Austausch mit erfahrenen Frauen*, mit Feminist*innen der 70er-Jahre! Das Voneinanderlernen! Die Referent*innen!

Reinhild Traitler
Was ist eure augenblickliche Erfahrung: Stösst das Projekt auf Interesse?

Zita Küng
Wir haben bereits in Zürich, Bern, Luzern, Konstanz, Basel und Winterthur Informationsveranstaltungen durchgeführt und sind auf sehr interessierte Frauen* gestossen. Das Konzept überzeugt und ist anspruchsvoll. Die Frauen* prüfen, ob sie sich für ein Jahr verpflichten können. Der Beitrag in der Richtgrösse von CHF 1200 für den fem!-Lehrgang gibt natürlich auch Anlass zur Diskussion. Was macht eine Frau*, die das nicht ohne weiteres bezahlen kann? Sie verhandelt mit uns, wie jede Interessent*in. Wir möchten nämlich, dass alle Motivierten teilnehmen können. Das bedeutet, dass wir die einen von einem höheren Beitrag überzeugen wollen, damit andere mit kleinerem Budget auch mitmachen können. Wir haben also schon im Vorfeld eine praktische Übung. Wir bleiben am Ball und sind sehr zuversichtlich, dass wir am 7. Oktober 2017 starten können.
Reinhild Traitler

Dazu wünsche auch ich alles Gute. Schliesslich habe ich den seinerzeitigen Studiengang des European Women’s College miterfunden und schätze noch heute die innovative Pädagogik und die unvergessliche Zusammenarbeit mit Frauen aus der Schweiz, aus ganz Europa, die damals entstanden ist. Diese Begeisterung spüre ich auch bei der fem!fakultät. Viel Glück und einen guten Start …

Die Frauen des fem!-Vorstands

Erika Bachmann
Langjährige überzeugte Feministin, Absolventin des European Women’s College.

Léa Burger
Co-Redaktionsleiterin der Zeitschrift «Neue Wege» und Teil des Kollektivs «RosaRot – Zeitschrift für feministische Anliegen und Geschlechterfragen».

Ortrud Gämlich Schmuki
EWC-Absolventin, Unternehmerin und diplomierte Yogalehrerin BDY/EYU.

Zita Küng
Feministin der 1970er-Jahre, Juristin, Pädagogin, Organisa­tionsentwicklerin. Selbständig als Genderexpertin und Führungskräftecoach (equality-consulting.ch).

Laura Lots
Politik- und Islamwissenschaftlerin, Teil des Kollektivs «Rosa­Rot – Zeitschrift für feministische Anliegen und Geschlechterfragen»

Mit dem * geht es uns darum, alle Menschen anzusprechen, die sich als sogenannte Frau/sogenannter Mann identifizieren. Wir legen nicht fest, was das heissen soll oder muss. Die Definitionsmacht bleibt bei der Person selbst.
 

 

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