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Bolderntext:
 
Der Mittelteil dieser Ausgabe: Mai / Juni 2017

Glück und die Polyphonie des Lebens

Meditation von Gerd Theissen, emeritierter Professor für Neues Testament an der Universität Heidelberg

Seit alten Zeiten stellt man sich das Glück
als launische Frau vor. Sie dreht am Rad der Fortuna.
Manche befördert das Rad nach oben, andere nach unten.
Dieses Rad stellt die erste Frage, die uns beschäftigen soll:
Steckt in Glück und Unglück Sinn?
Oder ist alles sinnlos?

Eine Antwort könnte sein:
Glück und Unglück trifft alle Menschen.
Das hat auch etwas Gutes.
Wer Erfolg gewohnt ist, den bewahrt Unglück vor Übermut.
Wer geduckt durchs Leben geht, darf Glückspilz sein.
Das Rad der Fortuna stürzt die einen nach unten,
trägt kleine Leute nach oben.
Hat der blinde Zufall eine demokratische Moral?
Aber ist das Rad der Fortuna nicht eine Illusion?
Manche müssen immer unten bleiben,
manche sitzen immer oben.

Eine zweite Antwort könnte sein:
Zwar steckt in Glück und Unglück kein Sinn,
wohl aber die Herausforderung,
dem Geschehen Sinn zu geben.
Haben wir Glück, sind wir verpflichtet, es zu ergreifen.
Haben wir Unglück, sind wir gefordert, es zu ertragen.
Nachträglich geben wir ihm Sinn.

Eine dritte Antwort ist:
Nur weil wir Ziele verfolgen, erleben wir es als ein Unglück,
wenn sie durchkreuzt werden.
Wenn ein Stein einen anderen Stein trifft,
wird keine Absicht zerstört.
Steine können nicht unglücklich sein.
Jedes Unglück macht uns daher bewusst:
Wir sind einzigartig unter allen Kreaturen, wir haben Ziele.
Darin sind wir ein Ebenbild Gottes.

Eine letzte Antwort sagt:
Alle Antworten sind unzulänglich.
Zum Glücklichsein gehört die Erkenntnis,
dass Glück nicht alles ist.
Sinn ist wichtiger.
Wer Kinder erzieht, kann nicht immer glücklich sein.
Dennoch sind Kinder sinnerfüllendes Glück.
Sinn ist das, wofür wir in Kauf nehmen,
nicht immer glücklich zu sein.

Unsere zweite Frage ist:
Zerrinnt nicht alles Glück in der Zeit?

Schon Gottfried von Strassburg (gest. 1215) hat gesehen:
Wenn das Glück funkelt und strahlt,
so ist sein Glanz der Glanz von zerbrechendem Glas,
ein Zeichen, dass es schon zersprungen ist.
Glück ist mehr Erinnerung als Gegenwart.
Oft wird uns das Glück erst bewusst,
wenn wir daraus vertrieben wurden.
Das sagt der Mythos vom Paradies.

Vielleicht brauchen wir den Verlust von Glück,
um Glück neu zu erleben.
Wer gesund ist, denkt kaum daran, wie wunderbar es ist,
die Welt ohne Beschwerden zu sehen.
Aber wer sich von Schmerzen und Krankheit erholt,
für den ist es Glück, einen Baum zu sehen,
einen Vogel zu hören, ohne dass etwas weh tut.
Dass Unglück vorbeigeht, lässt Glück erneut erleben.

Unsere dritte Frage ist:
Wenn wir in uns den Schlüssel zum Glück haben,
können wir dann selbst im Unglück glücklich sein?
Dietrich Bonhoeffer bezeugt das
in seinen Briefen aus dem Gefängnis.
Er schreibt, wie er lernte,
im Gefängnis für Geringes dankbar zu sein.
Er freute sich über das Lied einer Drossel im Gefängnishof.
Er genoss die Lebensmittel in den Paketen seiner Familie.
Der Gedanke an seine Verlobte machte ihn oft glücklich.
Seine letzten Briefe an die Verlobte
sprechen noch einmal von diesem Glück:

Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld,
Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig.
Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor …
Du darfst also nicht denken, ich sei unglücklich.
Was heisst denn überhaupt glücklich und unglücklich?
Es hängt ja so wenig von den Umständen ab,
sondern eigentlich nur von dem, was im Menschen vorgeht.
Ich bin jeden Tag froh, dass ich Dich, Euch habe.


Tragen wir Verantwortung für das Glück der anderen?
Besteht Glück darin, es anderen zu schenken?
Aber ist das nicht eine Überforderung für den,
der nicht in der Fülle des Glücks lebt?
Wie soll er auch noch für fremdes Glück
Verantwortung übernehmen?
Konstruieren nicht viele heute sogar einen Gegensatz
zwischen Verantwortung für andere und Glücksorientierung?

Es stimmt, was die Dichterin Ricarda Huch sagte:
Glück ist etwas, was man geben kann, ohne es zu haben.

Wenn man Glück auch dann schenken kann,
wenn man es nicht hat, dann gehört das Leid zum Glück.
Glück und Unglück gehören für Dietrich Bonhoeffer
zur Vielstimmigkeit des Lebens.
In einem Brief aus dem Gefängnis schreibt er über diese ­Polyphonie:

Es ist nun aber die Gefahr aller starken erotischen Liebe,
dass man über ihr – ich möchte sagen:
die Polyphonie des Lebens verliert.
Gott und seine Ewigkeit will von ganzem Herzen geliebt sein,
nicht so, dass darunter die irdische Liebe beeinträchtigt oder geschwächt würde, aber gewissermassen als cantus firmus,
zu dem die anderen Stimmen des Lebens
als Kontrapunkt erklingen.
Eines dieser kontrapunktischen Themen,
die ihre volle Selbständigkeit haben,
aber doch auch auf den cantus firmus bezogen sind,
ist die irdische Liebe.


Diese Polyphonie umfasst noch mehr:
Zum Leben gehören Schmerzen und Leid.
Zum Leben gehören Geburt und Tod.
Und auch sie sind Teil der Vielstimmigkeit des Lebens.
Als er in der Haft an der Taufe seines Patensohns nicht ­teilnehmen kann, schreibt Bonhoeffer in einem Brief:
… dass auch Schmerz und Freude zur Polyphonie des ganzen Lebens gehören und selbständig nebeneinander bestehen können. (21. Mai 1944):

Jesus ist das Ebenbild Gottes.
Eigentlich sind alle Menschen Ebenbild Gottes.
Das erkennt man leider nur selten.
Sein Ebenbild in uns ist beschädigt.
Es geht verloren in den Kleinkriegen des Alltags
und den grossen Kriegen der Weltgeschichte.
Jesus kann die Augen öffnen,
dass wir in jedem Menschen Gottes Ebenbild entdecken,
auch in den Verirrten und Verlorenen.
Kein Mensch ist so, wie wir ihn uns wünschen.
Manche sind schwierig. Manche sind faul.
Manche unaufrichtig. Manche indiskret.
Auch wir sind nicht so, wie wir sein sollen.

Wer dennoch in Menschen das Ebenbild Gottes sieht,
ungetrennt vom Leben
und doch unterscheidbar von seinen Mängeln,
der ist glücklich.
Disharmonien des Lebens werden dann zu einer Polyphonie.
Deren Grundmelodie ist Gott selbst.
Das sagt der Psalm 73:
«Gott nahe zu sein ist mein Glück.» (Psalm 73,28)
Das dachte Bonhoeffer im Gefängnis.

Dieser Text ist die gekürzte Fassung einer Musikmeditation, gehalten in Salem am 26. April 2015.
 

 

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