2. März

Es werden sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden. Psalm 22,28

Die Passionsgeschichte orientiert sich bis ins Detail an diesem Psalm, der mit dem Schrei der Gottverlassenheit beginnt, den Jesus am Kreuz zitiert: Ein Mensch sieht sich Spott und Gewalt, dem Tod ausgeliefert. Um sein Gewand wird das Los geworfen. In seiner Klage liegt sein Bekenntnis: «Sei nicht fern von mir, denn die Not ist nahe.» (Psalm 22,12)
In der dunkelsten Stunde des Martyriums wendet sich der Beter Gott zu und ringt darum, dass die Distanz überwunden wird. Er bittet nicht um Rettung, er fleht um Nähe. Sein Gebet wird erhört, und der Klagepsalm kippt unverhofft in den Lobgesang. Am Ende steht der Bericht von der Rettung eines Todgeweihten. Die Bedeutung des Wunders geht weit über das individuelle Schicksal hinaus. Sie ist das Fundament der Verheissung, dass sich alle Welt Gott zuwenden und sich zu ihm bekehren wird.
Von der Überwindung der Gottesferne erzählt auch die Passionsgeschichte. An Ostern legt der Jünger Thomas den Finger in die Wunde und erkennt Christus an den Spuren der Gewalt, die er erlitten hat. Der Auferstandene kehrt als Verstossener zu den Menschen zurück, um unter ihnen jene Nähe zu stiften, die Leben verheisst. Gott unterlässt keinen Versuch, die Distanz zu den Menschen zu überwinden, und wendet sich ihnen zu bis ans Ende aller Welt.

Von: Felix Reich

1. März

Das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. 1. Johannes 5,3

Die Liebe zu Gott ist eine Tätigkeit. Sie erschöpft sich nicht in der Anbetung und Verehrung. Vielmehr zeigt sie sich im Leben, in der Haltung gegenüber den Mitmenschen und im verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung.
Wer sich an die Gebote Gottes hält, bezeugt seine Liebe zu Gott. Die Gebote sind keine starren Verbote, sondern Aufforderung und Ermutigung, die Welt zum Guten zu verändern: Indem ich teile, statt für mich zu behalten. Indem ich versuche, Versöhnung zu stiften, statt zu spalten. Indem ich verzichte, statt alles für mich zu beanspruchen. So wie es Jesus vorgelebt hat und wie es unzählige Frauen und Männer, die sich in den Dienst des Friedens und der Nächstenliebe gestellt haben, in seiner Nachfolge getan haben und bis heute tun.
Am Anspruch der Nachfolge scheitere ich allerdings immer wieder. Sind die Gebote also nicht eigentlich ungeheuer schwer einzuhalten? Nein. Denn leicht sind sie insofern, als sie Gewicht von den Schultern nehmen und befreien. In einer Gemeinschaft, in der Menschen guten Willens sind, sich einander in Liebe zuzuwenden, einander zu verzeihen und Gemeinschaft zu leben, wird licht und tatsächlich leicht ums Herz.

Von: Felix Reich

28. Februar

Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister: Er hat mich nicht gemacht!, und das Bildwerk spräche vom Bildner: Er versteht nichts! Jesaja 29,16

Was für eine verdrehte Welt! Der Ton ist beleidigt, will nicht nur Lehmklumpen, will Töpfer sein! Das Bild will dem Meister den Pinsel aus der Hand nehmen und selber malen! Grotesk ist das. Und brandaktuell.
Obwohl wir wissen, dass das Leben auf unserem Planeten gefährdet ist, wird er gnadenlos ausgebeutet bis in den entlegensten Urwald, bis auf den Grund der tiefsten Meere, bis in den Orbit. Das Bildwerk sagt vom Bildner: «Er versteht nichts» – und versteht doch selbst nicht, was es tut.
An dieser Stelle brauchen wir dringend den Lehrtext zur Losung: «Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.» (Epheser 2,10) Ja, wir sind Geschöpfe, aber keineswegs passive Lehmklumpen: Gott hat in seiner Schöpferfreude die Menschen kreativ begabt. Wenn sie, inspiriert von Gott, gute Werke tun, geschieht Wundersames, unvollkommen, oft im Verborgenen, aber wirkungsvoll. Ich weiss von indischen Christen, die – selber diskriminiert – kastenlose Kinder beim Lernen unterstützen, damit sie einen Beruf erlernen, statt ein elendes Dasein als Tagelöhner zu fristen. Was ist nicht alles möglich, wenn Gott und Mensch sich finden in Liebe und Kreativität!
An die Arbeit, Leute, wir werden gebraucht!

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

27. Februar

Ach, HERR, lass doch deine Ohren aufmerken, dass du das Gebet hörst, das ich jetzt vor dir bete Tag und Nacht für deine Knechte. Nehemia 1,6

Nehemia richtete ein Klagegebet an Gott. Die Tore Jerusalems waren niedergerissen und durch Feuer verbrannt und zerstört. Nehemia betete Tag und Nacht für seine Brüder und Schwestern. Für das Volk Gottes. Während der tagelangen Trauer fastete Nehemia und bat Gott um die Treue und um den Bund, den Gott mit dem Volk geschlossen hatte. Nehemia war sich bewusst, dass das Volk gesündigt hatte, und daher verstand er auch die Zerstörung und Zerstreuung. Dennoch bat er Gott, sein Gebet zu erhören. Nehemia betete ohne Unterlass, und die Gebete wurden später auch erhört. Die Mauern Jerusalems wurden wieder aufgebaut – unter der Bauleitung Nehemias – und die Heilige Stadt wurde wiederhergestellt.
Es gibt Momente, da fühlen wir uns gleich wie Nehemia. Wir beten Tag und Nacht für andere und Gott erhört die Gebete nicht. Wir schreien in die Nacht. Es ist das Gefühl, von Gott verlassen zu sein. «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Ich rufe bei Tag, ich rufe bei Nacht. Ich finde doch keine Ruhe.» (Psalm 22,1–3)
Doch immer wieder dürfen wir darauf vertrauen: Gott hört uns, Gott überrascht uns, manchmal nicht so, wie wir es uns vorstellen können. Aber die Veränderungen kommen.

Von: Simon Sigrist-Hellingman

26. Februar

Der Gerechten Pfad glänzt wie das Licht am Morgen, das immer heller leuchtet bis
zum vollen Tag.
Sprüche 4,18

Mystisch, atemberaubend, spektakulär. Die Lichtverhältnisse um den Sonnenaufgang verändern sich von Minute zu Minute. Der Tag bricht an, die Vögel zwitschern, der Himmel wird immer heller, aus dem dunklen Blau wird Hellblau, und plötzlich schiebt sich der tiefrote Sternenball langsam über den Horizont. Man blickt in die Sonne und wird noch nicht geblendet, aber die Sonne strahlt. Nach wenigen Minuten ist der Tag da. Der Ball ist zuerst gelb, dann blendend weiss, die Wärme wirkt, alles glänzt: Der volle Tag ist da.
Immer wieder dürfen wir über Gottes Schöpfung staunen. Dieses Spektakel entsteht tagtäglich in der Natur, und immer wieder werden wir bei genauem Hinsehen überrascht. Wir entdecken Überraschendes auf der Suche nach dem Pfad der Gerechten. Dem Pfad, der von Gott vorgezeichnet wird. Wir dürfen staunend das Vertrauen auf Gottes Führung in unserem Leben stärken. Auch wenn wir mal durch ein dunkles Tal gehen (Psalm 23,4), findet sich immer wieder ein Licht am Morgen, ein Glänzen bis zum vollen Tag. Das Licht leuchtet uns bis zum letzten Tag und darüber hinaus.
Es ist Gottes Pfad, die Zusage: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Matthäus 28,20)

Von: Simon Sigrist-Hellingman

25. Februar

Ich, der HERR, habe dich gerufen in Gerechtigkeit
und halte dich bei der Hand.
Jesaja 42,6

In der Bibel wird die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk wiederholt mit einer Liebesbeziehung verglichen, die durch einen Bund gesichert sein sollte. Fest und sicher war sie indessen nicht. Sie wurde im Gegenteil immer und immer wieder infrage gestellt von Seiten des Volks. Das führte schliesslich zur tiefsten Krise: der Eroberung und Zerstörung des letzten Rests von Israel und zur Vertreibung ins Exil.
Nun aber darf der unbekannte Prophet, den wir behelfsmässig den «Zweiten Jesaja» nennen, das Ende dieser Entfremdung und den Beginn einer Art neuer Romanze ankündigen: Gott wird sein Volk wieder in sein Haus führen. Es wird einen Neuanfang geben, der ähnlich befreiend sein wird wie damals der Auszug aus Ägypten.
In der Beziehung zwischen zwei Menschen, so meinen die entsprechenden Fachleute, sei es wichtig, das, was die beiden einander versprochen haben, nach einer Krise erneut zur Sprache zu bringen. So macht es auch der Ewige mit seinem Volk: Wie eine Liebende ihren Geliebten, nimmt Gott sein Volk bei der Hand. Gott hat «in Gerechtigkeit» gerufen: nicht abrechnend, sondern auf eine Weise, die wieder zurechtbringt, was verschoben und verrückt worden war, damit sie zusammen Hand in Hand auf das zugehen können, was kommt.

Von: Benedict Schubert

24. Februar

Ich weiss, dass der HERR des Elenden Sache führen
und den Armen Recht schaffen wird.
Psalm 140,13

Ach, David! In was für Zeiten hast du bloss leben müssen! Überall Kriege, Intrigen, Hass, Verleumdung und Gefahr. Kein Wunder, dass du da nicht zuerst auf die bei uns heute so beliebte Liebe Gottes hoffst, sondern um Gerechtigkeit flehst! Die Zeit ist kaum aushaltbar, der Tod droht ständig durch Hunger und Krieg. Und wer sollte all das Unrecht lösen? Orban, Trump oder Putin?
Anscheinend springe ich in den Zeiten und frage mich dann doch, warum uns die Liebe Gottes heute viel wichtiger ist als ihre Gerechtigkeit? Das Versprechen auf Gerechtigkeit ist ja eigentlich auch das Mindestmass einer jeden Religion. Selbst wenn nur Gott weiss, was Gerechtigkeit konkret bedeutet, ist dieses Grundprinzip ein ordnungsbildendes: eines, das das Leben und die Menschen ordnet, zusammenhält und damit irgendwie höchst konservativ ist – und zugleich revolutionär. Denn die Sache des Elenden ist nicht die Sache der Reichen. Oder wie später Maria singt: «Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.»
Was sagt es also über unsere Zeit aus, dass wir die Liebe Gottes hochhalten und Gottes Gerechtigkeit nur in wenigen Momenten erwähnen?
Und ich denke: Wir sind wohl nicht die Elenden des Psalms! Und noch etwas schmerzhafter kommt mir in den Sinn:
Unser «Gott liebt alle Menschen»-Gerede ist eine Verharmlosung Gottes, nimmt ihr die Kraft!

Von: Jan Simowitsch

23. Februar

Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat sich seines Volkes angenommen
und ihm Erlösung verschafft.
Lukas 1,68

Wenn man es doch nur ganz sicher wüsste!
Ist diese Stimme da, die dir Grosses verheisst, wirklich Gottes? Ich schüttle den Kopf, es fällt mir schwer zu glauben.
«Liebe Reisende, Ihr Zug von Altona nach Zürich wird heute pünktlich ankommen!» Nach all den Verspätungen klingt es wie Hohn für mich. Das meint die Stimme doch nicht ernst? Bevor ich anfange, mich aufzuregen, halte ich den Mund. Und auch Zacharias hört auf zu reden. Von nun an schweigt er beharrlich in den Tag und blickt mit wachen Augen durch die Nacht. Und die Berge hinter Hannover wachsen und auch Elisabeths Bauch. Wie es versprochen war.
Ich kann’s trotzdem nicht glauben, fühle mich Thomas, dem alten Skeptiker, nahe. Und erreiche doch die Grenze, pünktlich in Basel, und auch Zacharias weiss nun sicher: Elisabeth ist schwanger. Möge es gut gehen! Jetzt bloss nicht in das Wunder eingreifen. Nichts sagen, nichts andeuten, nur werden lassen, ganz zart kommen lassen und: staunen! Und dann ist es so weit. Zacharias wird Vater und all die Emotionen platzen aus ihm heraus. Er lobt Gott in den Himmel, tanzt um sein Kind herum und weiss nun sicher: Alles, was Gott ihm gesagt hatte, wird eintreten. Niemand muss das verstehen. Es ist ein Wunder. Und so erreiche ich Zürich und die Stimme sagt: «Versprochen. Es wird ganz wunderbar!» Wenn man es doch nur vorher glauben würde!

Von: Jan Simowitsch

22. Februar

Die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Jesaja 29,19

Hilfe für die Ärmsten und Obdachlosen in Wien: Jeden zweiten Mittwoch fährt meine Freundin Bigi mit einem Caritas-Bus zu vier Plätzen an Wiener Bahnhöfen. Ein Team Freiwilliger kocht zuvor einen grossen Topf duftender Suppe, den sie gemeinsam mit einer zweiten Frau austeilt. Ganz niederschwellig – jede und jeder ist willkommen gratis auf eine warme Mahlzeit und ein Stück Brot.
Viele, die kommen, kämpfen mit Alkohol, doch sie lachen miteinander, geniessen das Zusammensein. Manchmal spielt jemand Musik, und es wurde sogar schon getanzt. Natürlich gibt es auch Kritik, wenn die Suppe einmal nicht so schmeckt.
Einer, der schon öfter wegen kleiner Delikte im Gefängnis war, verkauft nun den «Augustin», eine Strassenzeitung, produziert von obdachlosen Menschen. Er hat dadurch ein kleines Einkommen und neuen Halt gefunden.
Einmal traf Bigi einen ehemaligen Busbesucher – er hat nun Arbeit und eine Wohnung. Er hat es geschafft!
Jesajas Worte bekommen hier ein Gesicht: Wo arme und obdachlose Menschen Würde, Mitgefühl und Wärme erfahren, beginnt Hoffnung zu keimen. Bisweilen blitzt an dunklen Orten pure Freude auf. Was für eine grosse Vision, die Jesaja hier hatte – und wie nah sie manchmal schon ist!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. Februar

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Jesaja 43,18–19

Beim Pflügen nicht zurückzuschauen – das ist Jesu und Jesajas gemeinsame Einladung. Gott ruft uns aus alten Gewohnheiten, Mustern und Erinnerungen, die uns festhalten. Wir sollen den Blick nach vorn richten und wahrnehmen, wo das Neue schon wächst, oft unscheinbar.
Glauben wir daran, dass wir uns wirklich verändern können? Frei werden von Süchten, von eingefahrenem Denken und Handeln? Unser Gehirn liebt das Bekannte – es spart Energie, indem es beim Alten bleibt. Darum braucht Erneuerung Bewusstheit: Momente, in denen wir anhalten, loslassen und Raum schaffen für Neues. Fasten kann so ein Übungsweg sein – ein zeitlich begrenzter Verzicht, der uns spüren lässt, dass Veränderung möglich ist.
Fehler gehören dazu. Sie sind nicht das Ende, sondern der Anfang von Wachstum. Wer Vertrauen hat, dass Gott Neues schafft, kann mutig ausprobieren, lernen, umkehren.
Das Neue wächst nicht aus uns, sondern aus Gottes schöpferischer Kraft. Unsere Aufgabe ist, es zu erkennen – dort, wo es klein beginnt: in einem neuen Gedanken, einer anderen Haltung, einem ersten Schritt. «Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt – ist das nicht ein Fingerzeig.» Die Hoffnung blüht – mitten im Winter.

Von: Barbara Heyse-Schaefer