25. April

Das Erdreich erschrickt und wird still, wenn Gott sich aufmacht zu richten, dass er
helfe den Elenden auf Erden. Psalm 76,9-10

Mittelalterliche Kirchen wie das Basler oder das Berner Münster stellen den Thronsaal Gottes dar. Über dem Hauptportal ist das Jüngste Gericht dargestellt. Wer eintritt, soll sich und sein Leben prüfen. Denn in der Vierung, wo Längs- und Seitenschiff sich kreuzen, stehen die Gläubigen vor und unter dem Thron dessen, der als letzte Instanz richtet. Die dort stehen, sollen sich klein vorkommen; sie sollen nicht meinen, sie könnten den Richtspruch des Ewigen in Frage stellen. Sie sollen in Demut niederknien und Gottes Urteil annehmen.
Die Rede vom Jüngsten Gericht befremdet heute viele. Doch die Elenden tröstet sie. Sie macht denen Hoffnung, die ganz unten sind und meist absichtlich unten gehalten werden. Sie richtet diejenigen auf, die niedergeschmettert sind, die um ihr Recht und um ihr Leben gebracht werden. Die kein Ansehen haben, nicht respektiert werden, können sich darauf verlassen, dass Gott sie sieht und ansieht. Und endlich Recht spricht.
Wir, die wir in Umständen leben, die aufgrund von Ungerechtigkeiten so komfortabel und sicher sind, gehören zu denen, die erschrecken und still werden sollen. Um uns dann wenigstens dort, wo wir es können, für die Gerechtigkeit Gottes einzusetzen.

Von: Benedict Schubert

24. April

Pflüget ein Neues und säet nicht unter die Dornen! Jeremia 4,3

Auf geht’s! Und ich versuche Worte für das Pflügen zu finden – brecht die brachliegende Erde auf oder reisst die feste Kruste auf – und in mir macht sich Widerstand breit. Natürlich weiss ich, dass das Ausstreuen von Samen nur geht, wenn die Erde weich ist, sich offen zeigt für das, was da wachsen könnte. Du kannst ja auch nicht aus einem Heissluftballon über einem Fussballstadion 10 000 Flyer mit Gottes Wort werfen. Also kannst du schon. Und dich dann ebenso freuen, dass du sie nicht wütend zurückgeworfen bekommst. Also doch erst richtig den Boden durchpflügen?
Nur – so wie das Wort Pflügen eine durchaus kräftige und auch revolutionäre Tätigkeit beschreibt, bei der das Untenliegende nach oben kommt und das Obere gewaltsam zerstört wird, so ist auch die Geschichte der Kirche leider nicht frei von genau dieser Art des Pflügens. Sei es in den Kreuzzügen oder in der Missionsbewegung. Vielleicht ist die Zeit des Pflügens und auch des grossflächigen Streuens vorbei. Zumindest sollten wir nicht weiter von oben herab die Menschen mit Worten bewerfen. Auch Jesus ist ja nicht als Himmelsgott zu uns hinabgekommen, sondern als ein Mensch, der ins Stadion geht, Feste feiert und Fische angelt – und manchmal auch Menschen, die ihn spannend finden, die im Gespräch mit ihm etwas spüren, das sie begeistert. Dazu braucht es Vertrauen – dazu reicht Vertrauen, wenn auch wir andere von unserem Glauben begeistern wollen.

Von: Jan Simowitsch

23. April

Der Himmel ist der Himmel des HERRN; aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben. Psalm 115,16

Danke! – Und nun haben wir den Salat.
«Denn sie wusste nicht, was sie tat», als sie uns die Erde anvertraute. Wir dagegen wissen es schon, was wir der Erde und allen Lebewesen hier antun. Wie wir kontinuierlich an der Zerstörung des Planeten arbeiten, sei es mit dem Plündern aller natürlichen Ressourcen aus reiner Gier oder dem Nutzen von Waffen mit dem Zweck, andere zu töten.
Wenn das hier nach der Vertreibung aus dem Paradies unsere zweite Chance ist, dann haben wir sie gründlich vermasselt! Dagegen war der Biss in den Apfel nichts. Vergesst alle Schlangen und schaut auf uns, die Menschen!
Oder wusste sie doch, was sie tat?
Der Psalm ist ein Lobvers voller Vertrauen. Auf uns ruht der Segen des Herrn. Steht da. Wirklich! Das ist wohl kaum auf unser Tun bezogen. Aber wenn der Segen tatsächlich immer noch auf uns liegt und Gott uns nach wie vor vertraut, könnte das dann bedeuten, dass wir noch eine Chance haben? Dass wir die Erde und ihre Schöpfung noch retten können? Dass es an unserem zukünftigen Tun liegt, diese Welt für alle Menschen, Tiere und Pflanzen zu einer besseren zu machen? Jetzt dämmert es mir, was es bedeutet, dass Gottes Zutrauen und Liebe zu uns Menschen grenzenlos ist. Sie traut uns mehr zu als wir uns. Das lässt mich hoffen!

Von: Jan Simowitsch

22. April

Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit. 2.Timotheus 3,16

Ein in Österreich lebender koreanischer Pfarrer fragte mich einmal, ob er an der Wiener Uni christliche Pädagogik lernen würde. Ich dachte an die lange Entwicklung der Pädagogik und ihre Loslösung von ihren christlichen Wurzeln – und verneinte. Doch im Gespräch wurde mir klar: Für ihn war vieles von dem, was hier gelehrt wird, zutiefst christlich. Moderne Pädagogik wurzelt nicht nur in der griechischen paideía, sondern auch im biblischen Menschenbild, das die unverlierbare Würde des Menschen, seine Lern- und Beziehungsfähigkeit sowie die Notwendigkeit von Orientierung, Korrektur und Vergebung betont.
Paulus erinnert seinen Schüler Timotheus daran, dass ihm für seinen Auftrag der Lehre und Gemeindeleitung bereits alles Wesentliche gegeben ist. Die Schriften der hebräischen Bibel sind ihm vertraut – und Paulus beschreibt sie mit Begriffen, die zutiefst pädagogisch sind: Lehre, Zurechtweisung, Besserung und Erziehung.
Das Ziel ist Persönlichkeitsbildung und Erziehung zur Gerechtigkeit. Letztere beginnt im Lernen von Empathie, zeigt sich im Schutz der Schwachen und mündet in ein Verständnis von Gerechtigkeit, das mehr meint als Gleichbehandlung, nämlich Chancengerechtigkeit, damit Leben gelingen kann.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. April

Gott, du bleibst, wie du bist, und deine Jahre
nehmen kein Ende. Psalm 102,28

Menschen straucheln und fallen, ihre Macht und ihr Einfluss sind vergänglich. Gott bleibt unveränderlich, beständig wie ein Fels, ewig in seinem Wesen, zuverlässig in seinem Handeln. Dieser Gedanke gibt vielen Menschen Halt und Stütze in unsicheren Zeiten.
Doch dieses Gottesbild ist mir persönlich zu unnahbar und zu unbeweglich. Die Bibel zeigt doch auch, dass Gott in der Beziehung mit uns Menschen «mitgeht». Es gereut ihn, er verändert sein Handeln als Antwort auf unser Denken und Handeln.
Gottes Wesen bleibt treu, aber sein Wirken zeigt Dynamik: Er begegnet uns in Liebe, Geduld und Gnade, angepasst an unsere Not, unsere Fragen und unsere Entwicklung.
So ist Gott nicht statisch, sondern in einer Beziehung zu uns erfahrbar. Er wächst mit uns, reagiert auf uns, lädt uns ein, zu antworten, zu lernen und zu handeln.
In dieser Spannung aus Beständigkeit und Beziehung liegt für mich Hoffnung: Wir können uns auf Gott verlassen, und zugleich dürfen wir erfahren, dass unser Gebet, unsere Begegnung mit ihm das Leben verändert – nicht nur unser eigenes.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

20. April

Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade
zu meiner Reise gegeben. 1. Mose 24,56

Rebekka steht vor einer grossen Entscheidung. Aus dem Nichts taucht plötzlich Abrahams ältester Diener bei ihrer Familie auf. Er sucht eine Frau für Isaak, Abrahams und Saras Sohn. Und er findet Rebekka. Er ist sich sicher: Gott hat sie auserwählt. Er will mit ihr in die Heimat aufbrechen: «Haltet mich nicht auf», sagt er. «Gott hat Gnade zu meiner Reise gegeben.» Doch so einfach ist das nicht. Ihre Brüder überlassen Rebekka selbst die Entscheidung, ob sie mit dem Fremden mitgehen will. Keine leichte Entscheidung, stelle ich mir vor. Ihre Antwort ist kurz und knapp: «Ich gehe!»


Nachdem ihre Brüder die Heiratsverhandlungen für sie geführt haben, fragen sie Rebekka, was sie will. Damit wird deutlich, dass die Art der Beziehungen innerhalb einer Familie Einfluss darauf hat, welche Erfahrungen eine Frau macht und wie sie ihren Status als Frau erlebt. Das Gesetz und die Sitten gaben zwar dem Vater oder den Brüdern das Recht, ihre Töchter bewiehungsweise Schwestern zu verheiraten. Wenn in der Praxis nun aber das Bedürfnis Rebekkas berücksichtigt wird, verstehe ich, dass sie nicht lange zögert. Sie ist klar und deutlich: «Ja, ich will.»

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

19. April

Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken. Hesekiel 34,16

Dies ist die wunderbare Barmherzigkeit Gottes, von der wir gestern schon gehört haben. Sie lässt mich spontan an Jesus und sein Leben denken. Er hat das umgesetzt, was Gott versprochen hat: Verlorene suchen und Verirrte zurückbringen, das einzige Schaf oder auch den einzigen Menschen, der sich verlaufen hat und verloren gegangen ist; ich kann nicht anders als dafür danken, es sind manchmal wohl auch viele! Verwundete verbinden und Schwache stärken, die Aussätzigen, die er heilte, die gekrümmte Frau, die er aufrichtete, der Blinde, dem er sein Augenlicht gab – und all die anderen bewegenden Heilungen und Rettungen.
Aber es geschieht auch in unserem täglichen Leben! Manchmal sind wir schwach und wissen nicht recht weiter, manchmal brauchen wir neuen Mut und nach einem kurzen Gebet kommt wie ein Wunder die Zuversicht zurück.
Bei Hesekiel richten sich diese Zusagen an das im Exil lebende Volk Israel – und auch hier folgt später wieder das Versprechen eines Bundes, diesmal ist es ein Bund des Friedens der Menschen untereinander und mit der Natur.
Das ist und bleibt aktuell, und wir brauchen ihn mehr denn je.
Gott, bitte gib uns die Kraft, an diesen Bund des Friedens weiter zu glauben und in seinem Geist zu handeln!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. April

Der HERR, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer
und ein eifernder Gott. 5. Mose 4,24

Diese Aussage von Gott kann uns erschrecken: Denn wer wird von so einem mächtigen Feuer verzehrt? Wir! Gemeint ist im 5. Buch Mose das Volk Gottes Israel. Aber könnten wir angesichts der schrecklichen Kriege, der ungeheuren Gewalt in unserer Welt und der grossen Ungerechtigkeit dieses Wort nicht auch auf uns beziehen? Was bedeutet das?
Wenn wir das gesamte 4. Kapitel lesen, sehen wir, dass es hier um die Erinnerung an den ersten Bund Gottes mit seinem Volk geht – und dieser Bund beruht auf Gegenseitigkeit. Eigentlich ist es ein Dreierbund: Bund Gottes mit den Menschen, der ihnen seine Güte und Barmherzigkeit zusagt und zugleich Treue der Menschen Gott gegenüber bedeutet, die sich wiederum in treuen und gerechten Beziehungen der Menschen untereinander konkretisiert. Die Zehn Gebote haben sie, haben wir als Leitlinien dafür empfangen. Ich verstehe den eifernden Gott dabei als denjenigen, der uns Unheil verkündet, das die unausweichliche Folge der Übertretungen sein wird. In den späteren Versen verspricht Gott den Seinen, dass es ihnen gut gehen wird, wenn sie diesen Bund ihrerseits halten, «denn der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott» (Vers 31).
Ich glaube daran und ich finde diese Warnung und zugleich Zusage eine gute, realistische und hilfreiche Richtschnur unseres Lebens.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

17. April

Gott, du holst mich wieder herauf aus den Tiefen
der Erde. Du machst mich sehr gross und tröstest mich wieder. Psalm 71,20–21

Wer hier betet, hat gute Erfahrungen mit Gott gemacht: Gott hat ihn in belastenden und niederdrückenden Situationen nicht allein gelassen. Gott hat ihm zu spüren gegeben, dass er da ist und dass er ihm immer wieder neues Leben schenkt. Der Beter ist dankbar, dass er offensichtlich von seinem Gott geliebt ist und dass Gott will, dass er dableibt, dass er ihm also trotz seinen Fehlern wichtig ist. Das ehrt ihn und tröstet ihn, das richtet ihn auf und gibt neue Kraft. Eine Art «Auferstehung» im Leben. Er erhält die Möglichkeit eines Neuanfangs, sogar mehrmals!
Je älter ich werde, umso deutlicher erkenne ich im ehrlichen Rückblick, dass es nicht die eigene Leistung war, die Neuanfänge ermöglichte. Sondern dass ich sie als Geschenk sehen darf und auch so sehen muss. Manchmal sind sie auf den ersten Blick zu übersehen, erst später entpuppen sich auch Ecken oder gar Brüche im Lebenslauf als Chancen, die mir neu eröffnet worden sind.
«Gott schreibt auch auf krummen Linien grade …», so hiess vor Jahren ein Buchtitel, der in fast kindlichem Ton solche Erfahrungen auf den Punkt bringt. Es ist an mir, sie zu erkennen und sie zu schätzen. Sie machen dankbar und demütig und rücken Schweres in ein anderes Licht, in Gottes
Licht. Gerade im Älterwerden sind solche Lichtpunkte in meinem Leben ein Trost …

Von: Hans Strub

16. April

Der HERR sprach zu Jona: Meinst du, dass du
mit Recht zürnst? Jona 4,4

«Noch vierzig Tage, dann ist Ninive zerstört!» (Jona 3,4)
Um diesen knappen Satz herum ist die ganze Jona-Novelle aufgebaut. Es ist die unglaubliche Geschichte eines von Gott erwählten Mannes, der der Grossstadt Ninive die unmittelbare und unausweichliche Vernichtung ankündigt. Und der mit diesem einen Satz eine radikale Veränderung in der Stadt bewirkt: Die Menschen von Ninive samt ihrem König werden schlagartig gottgläubig, rufen ein Fasten aus und legen Trauergewänder an, um deutlich zu machen, dass sie umkehren und ihr sündiges Tun sofort aufgeben wollen, weil das diesen Gott vielleicht doch noch gnädig stimmen könnte. Ein überwältigender Erfolg für Jona – eigentlich – und der zur Folge hat, dass Gott tatsächlich die riesige Stadt verschont: Der grosse Gott zeigt seine grosse Barmherzigkeit!
Aber: Der kleine Prophet hat nicht das geringste Verständnis dafür! Er, der von Gott aus der Unterwelt, dem Bauch des grossen Fischs, befreit und errettet wurde, kann nicht verstehen, dass sein Gott die sündige Stadt Ninive mit über 100 000 Einwohnern (und dem vielen Vieh!) rettet. Er schmollt, er ärgert sich über seinen Gott und zürnt ihm. Er will einen klaren, gradlinigen Gott, der seine Ankündigungen wahrmacht. Und nicht einen, dem das Leben der Menschen und ihre Einsicht in ihr Tun wichtiger ist. Gottes Barmherzigkeit stört sein Bild von Gott …

Von: Hans Strub