Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schliessen. Jeremia 31,31
Das lateinische Wort für «Bund» lautet «testamentum». Vom «neuen Bund» leitet sich das «Neue Testament» ab. Hat Gott hier also durch Jeremia prophezeit, dass einst das Alte durch das Neue Testament, das Gesetz durch Christus, das Judentum durch das Christentum ersetzt werde?
Der deutsche Alttestamentler Frank Crüsemann hat Zweifel an dieser Lesart. Es kann, schreibt er in seiner Auslegung von Jeremia 31,31–34, «nicht um einen anderen Inhalt als die Tora gehen und nicht um einen anderen Adressaten, also nicht einfach um die Kirche anstelle des Volkes Israel». Tatsächlich besteht das Neue des neuen Bundes nicht in seinem Inhalt. Das Doppelgebot der Liebe als Essenz der Tora ist und bleibt gültig. Vielmehr besteht das Neue darin, dass Gott in der Zeit, die kommt, dieses Gebot «in unser Herz schreiben» wird (Vers 33). Der göttliche Wille wird identisch
sein mit dem Begehren meiner Seele.
Dieses Neue hat sich noch nicht verwirklicht, nicht in meiner Seele und auch nicht in der Kirche. Es wird sich in der Zeit, die kommt, verwirklichen, wenn wir heimgekehrt sind, zurückgekehrt in den Ursprung. Das gilt, glaube ich, für Juden und Christinnen und alle Menschenkinder. Was ich ebenfalls glaube: dass zuweilen heute schon, hier unten auf Erden, wenn der Himmel sich öffnet und unser wahres Wesen sichtbar wird, der neue Bund aufscheint.
Von: Andreas Fischer