Mittelteil Juli / August

Vorstellungsrunde

Seit Anfang 2026 schreiben über dreissig Autorinnen und Autoren die Bolderntexte. Die fünf Neuen stellten sich im Heft von Januar / Februar vor. Kurzporträts – von A bis H – waren im letzten Heft. Nun folgen die übrigen Porträts – von I (respektive K) bis Z.

Ralph Kunz
Es gehört zu den Privilegien meines Berufs, dass ich mich beinahe täglich
mit biblischen Texten beschäftigen darf. Ich lehre Praktische Theologie und verdiene
sozusagen mein Brot mit dem Wort. Das Schreiben von Bolderntexten
gehört dazu. Manchmal sperrt sich aber das Wort gegen meine Verarbeitung. Das macht mir dann zu schaffen und ich muss warten, bis das Wort an mir
und in mir arbeitet. Ich hoffe, dass diese Wortarbeit in den Bolderntexten spürbar wird, und freue mich, wenn sie weitergeht.
Kontakt: ralph.kunz@theol.uzh.ch

Carsten Marx
Ich wurde 1973 in Krefeld geboren und wuchs am Niederrhein, in Graz und Wien auf. Ob als Prediger, Kirchenmusiker, Sprecher, Chorleiter oder Moderator mag
ich das, was Sprache und Musik können. Nach vielen Jahren als Gemeindepfarrer,
zuletzt im Südburgenland in Grosspetersdorf und Rechnitz, reizt mich ab Herbst
2026 eine neue Tätigkeit in der Diakonie de La Tour am Standort Graz als Referent
für Diakonische Identität verbunden mit Religionsstunden an Gymnasien und berufsbildenden höheren Schulen. Als Familienmensch und Vater von drei
Töchtern bin ich gut vernetzt, liebe unsere österreichischen
Kaffeehäuser, sinnvolle Gedanken, Bücher um mich herum,
inspirierende Gespräche, etwas Neues auszuprobieren, Fahrten
mit der Eisenbahn sowie Basketball und Schach.
Kontakt: carsten.marx@evang.at

Katharina Metzger
Ich mag es, bei den Bolderntexten schreibend dem nachzuspüren, was die Bibelverse in mir auslösen. Die sehr kurze Form für jeden Tag und die Beschränkung auf
einen oder wenige prägnante Gedanken gefallen mir. In meine Texte fliesst
oft mein Alltagsleben ein, geprägt durch meine Arbeit als Lehrerin oder meine Familie. Gerne lese ich solche persönlichen und aus der jeweiligen Erlebniswelt geborenen Annäherungen an die Bibelverse auch bei anderen. Andererseits
weisen die Bolderntexte aber auch über diesen Alltag
hinaus und rühren an die Wunder und die Abgründe des Lebens.
Kontakt: k.metzger@gmx.ch

Elisabeth Raiser
Aus allen beruflichen und fast allen ehrenamtlichen Tätigkeiten
bin ich inzwischen schon länger ausgeschieden, habe Zeit und eine grosse Familie, die mich beglückt. Die politischen Ereignisse wecken in mir zunehmend den Gedanken: Was könnte ich in meinem kleinen Umfeld tun? Demokratie an der Basis? Unsere recht lebendige Kirchgemeinde bietet dazu angesichts der zurückgehenden
hauptamtlichen Pfarrstellen neue und spannende Möglichkeiten.
Jeden Morgen lesen mein Mann und ich den jeweiligen Bolderntext. Welche Fülle an Glauben, Erkenntnissen, Lebenserfahrungen kommen uns da entgegen! Danke!
Kontakt: elisabeth.raiser@posteo.de

Felix Reich
Jahrgang 1977. Ich bin in Marthalen und Winterthur aufgewachsen
und wohne heute mit meiner Frau und meinen drei Töchtern in Zürich-Wiedikon. Seit 2012 bin ich Redaktionsleiter der Zeitung «reformiert. » in Zürich. Zuvor arbeitete ich als freier Journalist und zehn Jahre in verschiedenen
Funktionen in der Redaktion der Tageszeitung «Der Landbote» in
Winterthur, zuletzt als Bundleiter Stadt Winterthur und Kultur. Ich studierte Germanistik, Allgemeine Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaften
in Zürich und Berlin. Als Kapitän des FC Religionen engagiere ich mich für den interreligiösen Dialog. Kontakt: felix.reich@reformiert.info

Barbara und Martin Robra
Wir verfassen unsere Texte gemeinsam. Seit 1994 leben wir in der Suisse
romande. Zuvor lebten wir beide in von Stahlwerken geprägten Kirchgemeinden
im Ruhrgebiet. Barbara ist selbständig und produziert Bücher, Filme und Ausstellungen mit ihrer Firma CAM (Communication, Arts, Media). Martin arbeitete in verschiedenen Funktionen für den Ökumenischen Rat der Kirchen.
Zur Familie gehören fünf Kinder mit Partnern und Partnerinnen
und drei Enkelkinder, Pferde, Esel und Katzen.
Kontakt: brobra@bluewin.ch

Gert Rüppell
Ich bin verheiratet und lebe in Moers am Niederrhein. Das Schreiben von
Bolderntexten bereitet mir grosses Vergnügen, weil es mir die Chance
bietet, meine Welt immer neu, meist in einem unerwarteten biblischen
Licht zu lesen. Als Theologe war ich viele Jahre mit Fragen
von Ökumene, Mission und ökumenischer Bildung in
Deutschland, Finnland und der Schweiz tätig. Nunmehr seit
langer Zeit Rentner, geniesse ich es, zu lesen, im Chor zu singen
und Freundschaften zu pflegen, Rad zu fahren und Golf zu spielen.
Von besonderer Bedeutung sind mir meine Kinder in Finnland mit ihren jeweiligen Partnern und Kindern. Regelmässige Besuche sind mir ein Muss.
Kontakt: gert.rueppell@icloud.com

Benedict Schubert
Im Feld, das sich zwischen der Evangelisch- reformierten Kirche, der Communität
Don Camillo, der weltweiten Kirche (namentlich Angola und Moçambique)
auftut, habe ich mich im Studium, im Berufsleben und seit Juni 2022 als Pensionär
bewegt. Biblische Texte faszinieren mich als Räume, in denen ich
Gott, den anderen, der Welt und mir selbst begegne. Manchmal
verlasse ich diese Räume mit mehr Fragen, als ich sie
betreten habe. Andere Male geht mir darin ein Licht auf,
das mich lange begleitet und mir den Weg leichter macht.
Kontakt: beni.schubert@bluewin.ch

Heiner Schubert
Seit ich 21 bin, lebe ich in der Communität Don Camillo. Mir passt das
Leben in Gemeinschaft sehr. Meinen Alltag verbringe
ich damit, zu kommunizieren, in Wort und Bild (www.worthand.com). Oft habe ich es dabei mit der Bibel zu tun, aber ich stehe immer noch sehr am
Anfang. Was für ein Buch! Theologie habe ich studiert und
dann eine Schreinerlehre absolviert und geheiratet. Heute
höre ich viel zu, predige, so oft es geht, und versuche, im
Auftrag der Gemeinschaft die Gemeinschaft zusammenzuhalten.
Kontakt: heiner.schubert@doncamillo.ch

Hans Strub
Jahrgang 1945. Mitschreiber an den Bolderntexten seit 1973, besonders in der Zeit als Studienleiter und Leiter von Boldern (1979–1987). Vor dieser Zeit Gemeindepfarrer in Zürich-Hirzenbach, nach der Boldernzeit
Beauftragter für die Vikariatsausbildung (im Konkordat) und die Weiterbildung
der Pfarrerinnen und Pfarrer (in den ref. Kirchen der Schweiz).
Seit 2010 pensioniert. Mitglied der Bezirkskirchenpflege Zürich. Mitwirkung
im Helfereitheater. Verheiratet mit Madeleine, eine Tochter und zwei Söhne, zusammen sechs Enkelkinder.
Kontakt: hansw.strub@bluewin.ch

Madeleine Strub-Jaccoud
Die Bolderntexte gehören zu meinem Leben – als Leserin und Schreiberin bin
ich mit Mitlesenden verbunden. Eine Boldern-Community – das ist der Traum, der
weitergehen soll. Meine Lebensschritte führten immer wieder nach Boldern.
Ich bin ehemalige Präsidentin der Stiftung Boldern und Ehrenpräsidentin des Trägervereins Boldern. Und wie gerne bin ich auch Grossmutter von sechs Enkelkindern!
Kontakt: madeleine.strub@bluewin.ch

Lars Syring
Jahrgang 1971. Ein Ostwestfale bei den AppenzellerInnen. Ich mag das Meer
und Spaghettieis. Ich backe mein tägliches Brot selbst, fotografiere gerne und
betreibe einen Youtube-Kanal: http://www.youtube.com/@Mystikundich
Seit 2001 bin ich Pfarrer in Bühler AR. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder.
Kontakt: lars.syring@gmx.ch

31. Juli

Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Lukas 22,40

Zweimal spricht Jesus gemäss dem Lukasevangelium
diese Worte, am Anfang und am Ende (Vers 46) der
Getsemani-Szene. Dazwischen betet er selbst: «Vater, … nicht
mein Wille, sondern der deine geschehe.» (Vers 42) Wie sein
eigenes Gebet, so erinnert auch sein Aufruf an die Jünger ans
Unservater: «Führe uns nicht in Versuchung», heisst es dort
(Lukas 11,4). – Was mit Versuchung / Anfechtung (im griechischen
Urtext steht für beides dasselbe Wort) gemeint ist,
hat Jesus selbst exemplarisch erfahren. Am Anfang des Evangeliums
(Lukas 4) wird er in der Wüste vom Satan versucht:
Er soll Stein in Brot verwandeln und von der Tempelzinne
springen. Ausserdem werden ihm alle Reiche der Welt versprochen.
Immer geht es ums Ego. Dieses zugunsten Gottes
loszulassen, ist die Funktion des Gebets: In ihm verschiebt
sich der Wille aus dem Ego-Bereich in den Bereich des Vaters.
Es geht dabei nicht darum, zu «plappern wie die Heiden»
(Matthäus 6,7). Das Unservater genügt. Oder die Stille. Jesus
betete nächtelang allein auf einem Berg (Lukas 6,12). Es ist
nicht anzunehmen, dass er dabei viele Worte machte. Vielmehr
verband er sich im Gebet mit dem Vater, indem er
radikal frei war von den Versuchungen des Ego. – Der dänische
Philosoph Sören Kierkegaard (1813–1855) beschreibt
das Gebet als Verschiebung vom Reden ins Schweigen und
Hören: «Beten heisst nicht, sich selbst sprechen zu hören,
sondern … beim Schweigen zu verharren und zu warten, bis
der Betende Gott hört.»

Von: Andreas Fischer

30. Juli

Die vom Volk, die ihren Gott kennen, werden stark sein und danach handeln. Daniel 11,32

Die Losung holt uns ins babylonische Exil und zu all den Versuchen
Nebukadnezars, sich das Volk gefügiger zu machen,
indem es zur Staatsideologie, hier dem Hellenismus, übertrat.
Das war natürlich verführerisch. Wahrscheinlich ist es
nicht nur mir vertraut, wie sehr es das Leben erleichtert,
wenn man den Weg geht, der von oben befohlen wird. In
so manchem Land, nicht nur dem unseren, gibt es immer
wieder Perioden, in denen Christen sich nationalen Ideen
und Ideologien mehr verpflichten als dem, was ich hier das
«Programm Jahwes / Jesu» (2. Mose 20, 5 / Mt. 5,1–7,29) nennen
möchte.
Zurzeit ist wieder einmal die Frage der Gewaltlosigkeit
solch ein programmatischer Schwerpunkt, bei dem es vielen
Christen schwerfällt, sich von der offiziellen politischen Linie
abzusetzen und die Frage eines christlichen Verhältnisses zur
Ausübung von Gewalt (z. B. Matthäus 26,52) neu durchzubuchstabieren.
Auch die neue Friedensdenkschrift der EKD
ruft nach dieser Losung. Was heisst es angesichts gegenwärtiger
Herrschaftsstrukturen: Die vom Volk, die ihren Gott
kennen, werden stark sein und danach handeln?
Mir wird deutlich, wie schwierig es damals unter Nebukadnezar
war, stark zu bleiben und entsprechend zu handeln.
Was mir bleibt, ist das Gebet um Kraft und um Einsicht für
diejenigen, die das Volk führen.

Von: Gert Rüppell

29. Juli

Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott? Psalm 42,4

Geht es uns so? Weinen wir in dieser Intensität, weil wir
angesichts der Lage um uns herum, oft in lästerndem Ton,
die Frage hören müssen: Wo ist nun dein Gott?
Geht es also dem Beter des Psalms um den Umgang mit
der so geläufigen Theodizeefrage: «Wie kann Gott das alles
zulassen?» Das «weil» im Losungstext macht mir zu schaffen.
Es begründet eine tiefe Trauer, in die uns der Psalmist
hineinnehmen will. Ich schreibe am Karfreitag dieses Jahres,
der Chor aus der Matthäuspassion von Johann Sebastian
Bach klingt mir noch im Ohr: «Andern hat er geholfen und
kann sich selber nicht helfen.» (Matthäus 27,42)
Dieses «weil man täglich zu mir sagt …» kenne ich. Dieses
Gefühl des Psalmisten, sich von Gott alleingelassen zu fühlen.
Da kommt die Frage auf: Wo bist du, Gott, in all dem
Schrecklichen um uns herum, das wir nicht bewältigen können?
Im nächsten Vers erinnert sich der Psalmist an die Schar,
mit der er einherzog und feierte.
Ostern verweist mich auf die Geschichte der Jünger, die
erst flohen und dann aus ihrer Einsamkeit zurückfanden
in die Gemeinschaft. Und in der Tat wird die Frage «Wo ist
dein Gott?» immer auch in der Gemeinschaft beantwortet.
Gemeinschaft, die zu Gott betet, Gottes Willen praktiziert
und mir ein «Hier bin ich» anbietet beim Trocknen der
Tränen.

Von: Gert Rüppell

28. Juli

Singt und musiziert dem Herrn aus vollem Herzen. Epheser 5,19

«Singen macht glücklich»: Mit diesem Slogan wirbt ein
benachbarter Männerchor. Ich selbst singe im Kirchenchor –
und ja, Singen tut gut, entspannt und bereichert. Ich verstehe,
dass Singen und Musizieren dem Gotteslob und dem Dank
dienen, wie Paulus schreibt. Anders ausgedrückt hat es nicht
nur eine akustische, sondern auch eine spirituelle Dimension.
Und diese lässt sich wissenschaftlich (neurologisch) belegen.
So habe ich in einem Artikel in der Zeitschrift «bref»
gelesen, Musik erzeuge einen intimen Stimulus. So komme
es – am Beispiel des «Erbarme-dich-Gesangs» beschrieben –
zu einem Phänomen, das emotionale Ansteckung genannt
wird. Plötzlich fühlten die Zuhörenden wie alle andern rundherum.
Das erinnert mich an den letzten Weihnachtssonntag.
Am 24. Dezember starb nach langjährigem Aufenthalt im
Pflegezentrum und über 93-jährig meine Mutter (heute hätte
sie Geburtstag.). Am Weihnachtstag sangen wir mit dem
Chor in unserer eindrücklichen spätgotischen Kirche in Elgg.
Das ging fest ans Herz! Da habe ich etwas von dieser Ansteckung
gespürt und mich getragen gefühlt. Noch ein anderer
Tipp: Singen Sie auf einer langen Wanderung, wo Sie schon
von weitem das ersehnte Ziel sehen, Lied RG 346 (Bewahre
uns Gott, behüte uns Gott, sei mit uns auf unseren Wegen)
mit seinem swingenden Rhythmus vor sich hin. Sie werden
erfahren, wie Ihre Schritte leichter werden!

Von: Bernhard Egg

27. Juli

Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien. Psalm 34,16

Ausschnitte aus meiner Übertragung des Psalms:


Ich will das Leben optimistisch anpacken,
positiv denken und reden.
Damit kann ich andere anstecken,
denen es weniger gut geht als mir.
Freut euch am Leben mit mir
und lasst uns alle erkennen, worauf es ankommt.
Alle, die sich am Wesentlichen orientieren,
werden strahlen und nicht zugrunde gehen.
Alle, die in ihrem Elend um Hilfe rufen, erhalten Gehör
und die Unterstützung, die sie brauchen.
Hütet euch vor bösem Geschwätz,
lasst euch nicht zum Lügen verleiten.
Meidet das Böse und tut das Gute,
sucht Frieden mit eurer ganzen Kraft.
Die Gerechten stehen in einem guten Licht
und sie finden Gehör in der Not. (Vers 16)

Von: Heidi Berner

26. Juli

Josef sprach zu seinen Brüdern: Zankt nicht auf dem Wege! 1. Mose 45,24

Geschwister zanken –
das gehört zum Repertoire
menschlichen Verhaltens.
Es ist das Einüben von Reaktionen
auf allerlei Herausforderungen –
für den Ernstfall.
Alle, die Kinder und Enkel haben,
kennen das zur Genüge.
Oft überfordern uns die Streitereien.
Wir wünschen uns doch so sehr
Frieden und Harmonie,
gerade in der Familie.
Im Ernstfall aber halten sie zusammen,
die Brüder und Schwestern.
Jedenfalls, wenn es «stimmt»
in der Familie.
Bei Josef und seinen Brüdern
hat es nicht immer «gestimmt».
Es ist eine lange Geschichte –
von Missgunst und Kränkungen.
Aus alter Zeit und doch so aktuell.
Zurzeit stimmt vieles nicht – weltweit.
Also: mehr Zusammenhalt – weniger Zank!

Von: Heidi Berner

25. Juli

Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung, ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohl gehe. Psalm 68,6–7

Als «Theologie der Befreiung» wird eine theologische Strömung
bezeichnet, die vor gut fünfzig Jahren in Lateinamerika
als Programm vorgestellt wurde und seither auf der ganzen
Welt Menschen inspiriert – nicht überraschend vor allem
solche aus dem «globalen Süden», also aus den Ländern,
die Mühe haben, aus ihren Armutsschlaufen herauszukommen.
Die wichtigste Behauptung der Befreiungstheologie ist:
«Gott hat eine Vorliebe für die Armen.» Ich halte das für das
grösste Geschenk an die Theologie überhaupt: die Erinnerung
daran, dass Gott konsequent von unten her, nicht von
oben herab zu den Menschen kommt. Israel wird von Gott
nicht adoptiert, weil es ein prächtiges Volk ist, sondern eines,
das leicht übersehen werden kann. Der schmächtigste der
Söhne Isais wird zum Stammvater des Königsgeschlechts,
aus dem schliesslich der Messias stammt. Dieser kommt
nicht im Palast, sondern im Stall zu Welt. Er stirbt den Tod
eines Verlierers, um daraus aufzustehen und den Aufstand
gegen den Tod anzuführen und gegen alle Mächte, die dem
Tod dienen. Unsere Losung ist bloss eines von vielen Echos
darauf – und wir tun gut daran, unser Denken und Handeln
danach auszurichten.

Von: Benedict Schubert

24. Juli

Gott tut grosse Dinge, die nicht zu erforschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind. Hiob 9,10

Zugesagt ist uns Menschen, dass wir «nach Gottes Ebenbild
» geschaffen sind. Woran liegt es, dass manche – auch
mir selbst passiert das manchmal – daraus Allmachtsfantasien
ableiten? Dann denken sie beispielsweise, sie müssten
einen Durch- und Überblick haben, wie nur Gott ihn hat.
Dies wiederum führt zu einer hohen inneren Empörung,
wenn ihnen etwas geschieht, das sie nicht verstehen, nicht
einordnen, nicht – wie eine Freundin das so schön formuliert
hat – «versorgen» können, also nicht so im Inneren ablegen,
dass sie nicht ständig darüber stolpern.
Hiob ist der Inbegriff eines Menschen, den sinnloses Leid
überfällt. Seine Freunde halten das nicht aus und versuchen,
dem, was Hiob widerfahren ist, sofort einen Sinn zuzuschreiben.
Sie suchen nach Gründen und behaupten auch, welche
gefunden zu haben, weshalb das, was kam, so kommen
musste. Das verbinden sie mit Rezepten, wie Hiob nun aktiv
damit umzugehen habe.
Hiobs beispielhafte Grösse besteht darin, dass er das
Widersinnige dessen, was er durchmacht, aushält. Er sucht
keinen Grund, sondern hält schlicht, aber nicht einfach,
denn einfach wird das nicht gewesen sein, am Vertrauen
fest, dass Gott sieht und weiss, was für uns undurchschaubar
und unerklärlich ist.

Von: Benedict Schubert

23. Juli

Es wurde ein Mann hereingetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heisst das Schöne, damit er um
Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Apostelgeschichte 3,2

Wenn ich in eine Kirche gehe, dann möchte ich zum Beispiel:
still sein, die Atmosphäre des Ortes auf mich wirken lassen, in
mich gehen, vielleicht auch mit anderen Gottesdienst feiern
oder singen. Aber ich möchte nicht einen Gelähmten oder
einen Bettler vor der Kirche sehen, der mir seine hohle Hand
hinhält. Denn mit dieser Geste hält er mir einen Haufen unangenehmer
Fragen hin: Warum kannst du ruhig in die Kirche
gehen und ein bisschen meditieren, während ich mir hier das
Nötigste erbetteln muss? Warum kannst du gehen, während
ich zum Sitzen verdammt bin? Warum bist du gesund und ich
nicht? Warum bin ich von dir abhängig und du nicht von mir?
– Oft genug habe ich mich schon abgewendet und bin weitergegangen.
Oder ich habe mein Gewissen mit einem Almosen
beruhigt. – Petrus und Johannes begegnen diesem Gelähmten
anders: Petrus schaut ihn an und sagt, er solle im Namen Jesu
Christi aufstehen. Der Mann steht auf, geht mit ihnen in den
Tempel, springt umher und lobt Gott. Der grosse Gegensatz
zwischen einem Menschen, der in totaler Abhängigkeit lebt,
und einem, der plötzlich zur Bewegung, zum eigenen Tun
ermächtigt wird, ist eindrücklich. Der Name Jesu hat hier die
festgesetzten Plätze verschoben und Neues eröffnet.

Von: Katharina Metzger