Ich hörte eine grosse Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine
Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Offenbarung 21,3
Die «Hütte Gottes» meint in der hebräischen Bibel jenes
Zelt, in dem Gott mit seinem Volk unterwegs war in der
Wüste. Es ist der Vorläufer des Jerusalemer Tempels. Als
dieser im Jahr 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde,
entstand aus der «Hütte» (hebräisch «Mischkan») die Vorstellung
der «Schekina», der «Einwohnung» Gottes. Mit
dieser Ablösung vom Tempel wird alles anders. Der Tempel,
schreibt der chilenische Befreiungstheologe Pablo Richard,
sei «der Inbegriff von Unterschieden und Trennungen», zum
Beispiel zwischen dem Allerheiligsten und den diversen Vorhöfen
für verschiedene Untergruppen. Die Schekina hingegen
wohnt «bei den Menschen», unterschiedslos. Sie wohnt
nicht beim Volk, sondern bei den Völkern. «Nicht mehr
Israel», schreibt die deutsch-amerikanische feministische
Theologin Elisabeth Schüssler Fiorenza, «aber auch nicht
mehr nur die Kirche allein, sondern die ganze Menschheit
ist zum Volk Gottes geworden.» Bedenkenswert scheint mir
darüber hinaus die These des deutschen Neutestamentlers
Klaus Wengst, dass die Spitze des «christlichen Universalismus
» gar nicht gegen den «jüdischen Partikularismus» geht,
sondern gegen Rom: «Sie richtet sich gegen den römischen
Anspruch, in seinem Imperium alle Völker zu integrieren.»
Von: Andreas Fischer