Zur Freiheit seid ihr berufen worden, liebe Brüder und Schwestern. Auf eins jedoch gebt acht: dass die Freiheit nicht zu einem Vorwand für die Selbstsucht werde, sondern dient einander in der Liebe! Galater 5,13
Freiheit gilt als hohes Gut. Das ist heute so, das war schon in der Antike so, auch für den Apostel Paulus. In der Regel wird Freiheit als Autonomie verstanden, als unabhängiges Verfügen über sich selbst. Der paulinische Freiheitsbegriff, wie er im heutigen Lehrtext zum Ausdruck kommt, ist indessen ein anderer. Hier «inkarniert» sich die Freiheit, wie der Zürcher Neutestamentler Samuel Vollenweider schön schreibt, «in der Liebe».
Gewiss, die Freiheit erwächst aus der Befreiung vom Dienst an falschen, faktisch inexistenten Göttern (Galater 4,8; man mag dabei an Götzen wie Geld und Gier, Macht und Sucht denken). Doch die so gewonnene Freiheit, sagt Paulus, darf nicht zum «Vorwand» (andere Übersetzungsmöglichkeiten: «Anlass», «Anreiz») für die Verkapselung des Egos in sich selbst werden. Vielmehr soll sich der befreite Mensch in ein Gewebe von Interdependenz hineinbegeben, wo einer dem anderen «dient». Freiheit manifestiert sich also paradox als gegenseitiger Dienst in der Liebe.
«Die hier gemeinte wechselseitige Abhängigkeit» aber, schreibt Dorothee Sölle in «Mystik und Widerstand», «bedeutet nicht Zwang und Unterlegenheit, nicht Dependenz als Krankheit, sie erhöht vielmehr meine Freiheit.»
Von: Andreas Fischer