7. November

Du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern. Psalm 104,4

Wir schauen auf einen Sommer zurück, in dem uns zahlreiche
Unwetter und die lang anhaltende Trockenheit gezeigt
haben, dass auf unserem Planeten einiges aus dem Lot geraten
ist. Wenn wir diese Naturgewalten als «Boten» verstehen,
dann als solche eines unaufhaltsamen Klimawandels.
All diese Stürme, Flutwellen, Waldbrände und Dürren in
Regionen, wo extreme Wettersituationen bisher kaum vorgekommen
sind, können kein Zufall sein. Doch im Gegensatz
zum Autor dieses Psalms aus der späten Königszeit Israels
sehen wir die Naturgewalten nicht mehr als ein Werkzeug
Gottes, mit dem er auf das unmoralische Verhalten der
Menschen reagiert, sondern wir verstehen, dass wir selbst
für diese Wetterkapriolen verantwortlich sind. Wir haben
zu spät erkannt, dass die Nutzung fossiler Brennstoffe die
Atmosphäre aufheizt und meteorologisch beeinflusst. Und
doch hat sich seit diesem Psalm vor über dreitausend Jahren
etwas Grundlegendes nicht geändert: Die Natur verhält
sich moralisch nicht neutral. Das Wetter reagiert auf unseren
Umgang mit ihr – wenn auch nicht mehr in Form einer
göttlichen Strafe für irgendwelche Verfehlungen, sondern
aufgrund unseres klimarelevanten Verhaltens. In der Klarheit
der Botschaft dieses Verses liegt daher auch die Hoffnung,
diese Wetterboten als Aufruf zu verstehen, unsere Beziehung
zur Natur zu ändern und auf ihre Signale konsequent und
mit deutlich mehr Demut zu hören.

Von: Esther Hürlimann

6. November

Brich dem Hungrigen dein Brot! Jesaja 58,7

Teile das Brot mit den Hungrigen!
Das ist der Kern der Losung für den heutigen Tag.
Gott wünscht sich von uns kein Fasten, bei dem wir nur
traurig schauen. Er wünscht sich aktiven Beistand für Menschen
in Not.
Manchmal fühlt sich die Welt riesig und voller Probleme
an. Wir fragen uns: Was kann ich als einzelner Mensch schon
tun? Der Prophet Jesaja gibt uns eine ganz einfache Antwort.
Wir müssen nicht die ganze Welt auf einmal retten. Wir können
damit beginnen, unser Brot zu teilen.
Dabei geht es um mehr als nur um Essen: Brot teilen bedeutet,
Augen und Herz für die Menschen um uns herum zu
öffnen.
Hunger hat viele Gesichter. Manche Menschen hungern
nach einer warmen Mahlzeit. Andere hungern nach einem
lieben Wort, nach Aufmerksamkeit oder nach Gemeinschaft.
Abgeben macht uns nicht ärmer, sondern reicher. Wenn
wir teilen, spüren wir Gottes Liebe direkt in unserem Alltag.
Gott lädt uns heute ein, genau hinzusehen. Wo braucht
heute jemand mein «Brot»? Ein offenes Ohr für eine einsame
Nachbarin, ein ehrliches Lächeln für die Dame an der
Supermarktkasse oder eine Spende für Menschen in Not –
das ist gelebter Glaube.

Von: Carsten Marx

5. November

Jesus Christus spricht: Niemand wird meine Schafe aus meiner Hand reissen. Johannes 10,28

Kennen Sie diese Tage, an denen alles durch die Finger rinnt?
Die To-do-Liste wird immer länger, die Sorgen um die Familie
wachsen, und die Welt um uns herum wirkt oft laut und
unsicher. Manchmal verlässt uns in diesem Trubel die eigene
Kraft. Wir fühlen uns schwach und verletzlich.
Doch genau in diese Unruhe hinein spricht Jesus heute
diese mächtigen Worte. Er vergleicht uns mit Schafen –
Tieren,
die Schutz und Führung brauchen. Und er verspricht
nicht nur, auf uns aufzupassen. Er gibt uns eine absolute
Sicherheitsgarantie.
Du musst dich nicht aus eigener Kraft an Gott festklammern.
Es ist seine starke Hand, die dich hält. Wenn Stürme in deinem
Leben toben, wenn Zweifel an dir nagen oder Fehler
dich niederdrücken: Seine Hand lässt dich nicht los. Es gibt
keine Macht auf dieser Welt, keine Enttäuschung und keinen
Schmerz, der stark genug wäre, um Gottes Griff zu lösen.
Du bist sicher. Du bist geborgen. Du darfst heute tief
durchatmen und die Lasten des Alltags ablegen. Du musst
nicht perfekt sein – du musst dich einfach nur lieben und
halten lassen.
Dankbar und getragen kann ich heute meine Wege gehen.

Von: Carsten Marx

4. November

Der HERR wird Zion wieder trösten. Sacharja 1,17

Die Schauungen Sacharjas berichten von der Zukunft Jerusalems.
Siebzig Jahre Strafe sind genug. Die Boten bringen
Trost. Wie viel Verbindlichkeit liegt im Trost? Ist er eine Hilfe
im Moment? Dann ist wieder die Realität zu bewältigen. Und
doch kann Trost eine schwere Situation erträglicher machen.
So könnte es den Israeliten ergangen sein. Sacharja spricht
vom Trost für ein ganzes Volk. Hier wird Trost politisch,
denn ein ganzes Volk soll die Hilfe erhalten und soll spüren,
dass Gott derjenige ist, der sie bringt. Bestimmt ist auch
wieder Geduld gefragt. Es vergeht viel Zeit, bis der Tempel
wieder aufgebaut ist. Unweigerlich denke ich an die leidenden
Menschen im Gazastreifen. Welchen Trost brauchen sie,
welche Kraft kann ihnen Hilfe schenken? Vergessen sind sie
und Boten gibt es keine. Oder doch? Es gibt Menschen, die
den Mut haben, Hilfe zu bringen. Es gibt uns, die wir uns an
die Seite dieser Menschen stellen und für sie beten können.
Gewiss ist, sie brauchen mehr als Trost. Sie brauchen Wasser,
Nahrung, Aufbauhilfe. Und so sind wir gefragt, beharrlich zu
sein. Und sie, und das scheint mir so wichtig, sie brauchen
Zeichen, dass sie nicht vergessen sind. Boten? Ja, aber bitte
ganz realistische.
Schenke du den Menschen in Gaza Hilfe.

Von: Madeleine Strub-Jaccound

3. November

Weisst du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der
Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Jesaja 40,28

Langsam taste ich mich an die heutige Losung heran. Sie
spricht von einer Auseinandersetzung, einer Disputation,
zwischen dem Propheten und Israel, dem Volk Gottes.
«Weisst du nicht? Hast du nicht gehört?» Gott, die Lebendige,
ist es, die die Erde erschaffen hat. Sie schaut zu dir, auch
wenn deine Kräfte nicht so stark sind. Sie wendet sich zu dir
mit ihrem Verstand. Es wird gut kommen, ohne Wenn und
Aber. Aber Gottes Verstand ist nicht zu erforschen. Vielmehr
ist das Volk aufgerufen, an sie, die Lebendige, zu glauben, ihr
zu vertrauen, auch wenn nicht immer alles so klar ist. Ich
lasse die Worte in meinen Verstand dringen. Und da merke
ich, dass sie mir guttun. Denn auch wir möchten doch so
gern mit der Kraft der Lebendigen leben können. Und wir
möchten, dass sie eingreift und unsere Welt von Gewalt,
Krieg und Hunger, einfach von allem Leiden befreit. Es ist
nicht warten angesagt, sondern vertrauen und hoffen. Und
immer wieder können wir mit dem heutigen Vers darauf
hören, was Gott uns sagen will.
Danke, Gott des Lebens, dass du der Welt und uns allen deine
Kraft schenkst. Wir hoffen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. November

Gott hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, indem er ihn vor allen Menschen
beglaubigte durch die Auferstehung von den Toten. Apostelgeschichte 17,31

Apostel Paulus holt die Menschen dort ab, wo sie sind. Eine
Inschrift, die einen Athener Tempel «dem unbekannten
Gott» (Apostelgeschichte 17,23) widmet, interpretiert er als
fromme Gottessuche. Zugleich macht er die Mauern der
Heiligtümer durchlässig für das Leben. Denn der Gott, von
dem der Apostel erzählt, lässt sich in Tempeln vielleicht
verehren, aber nicht finden. Die Suche nach Gott muss sich
an der Frage ausrichten, «ob er denn nicht zu spüren und
zu finden sei; denn er ist ja jedem einzelnen unter uns nicht
fern» (Apostelgeschichte 17,27).
Dieser Gedanke sollte für den interreligiösen Dialog leitend
sein. Religionen sind unterschiedliche Wege zu Gott, sich
zuweilen widersprechende Interpretationen seiner Offenbarung.
Allerdings scheint die Tür zur versöhnten Vielfalt ins
Schloss zu fallen, wenn Paulus den Exklusivitätsanspruch für
den christlichen Glauben reklamiert und das Gericht durch
Christus ankündigt. Doch wer so argumentiert, hat nicht
genau gelesen. Gott hat den Tag festgesetzt, an dem er die
Welt richtet und ausrichtet an den Geboten seiner Liebe und
Gerechtigkeit. Deshalb dürfen die Menschen, die sich fromm
nennen, das Urteilen getrost ihm überlassen und das leben,
was Gott in Christus verkündigt: die Liebe.

Von: Felix Reich

1. November

Er wird herrlich werden bis an die Enden der Erde. Micha 5,3

Der Prophet predigt den Untergang. Für eine Umkehr scheint
es zu spät und das angekündigte Unheil unausweichlich.
Besonders scharf kritisiert Micha die Habgier der Oberschicht,
die das Volk ins Verderben führt. Das Untergangsszenario
kontrastiert mit dem Versprechen des Neuanfangs. In der
apokalyptischen Vision liegt immer die Hoffnung, dass die
Katastrophe nur ein Übergang ist. Micha kündigt die Ankunft
eines starken Herrschers an, der den Feind in die Flucht schlagen
und die Rückkehr der Vertriebenen ermöglichen wird.
«Und mit ihm wird der Friede kommen.» (Micha 5,4)
Apokalyptische Bilder sind beängstigend aktuell: Sturzfluten,
brennende Wälder, ausgebombte Städte, ausgetrocknete
Flussbetten. Und auch die Habgier und die Sucht nach
immer mehr, die Micha schonungslos kritisiert, klingen nur
allzu vertraut. Die einzige Hoffnung ist, dass die beängstigenden
Nachrichten nicht das Ende bedeuten, sondern ein
Übergang sind. Was es dafür braucht, ist allerdings kaum
die eiserne Faust eines starken Herrschers. Nötig ist die Einsicht,
dass im Verzicht eine grosse Freiheit liegt. Und die
Zuversicht, dass in den kleinen Akten der Rücksichtname
und im Wunder des Teilens jene Kraft liegt, die eine andere
Welt möglich macht als jene, die der Prophet dem Untergang
weiht.

Von: Felix Reich

31. Oktober

Unrecht Gut hilft nicht; aber Gerechtigkeit errettet vom Tode. Sprüche 10,2

«Unrecht erworbene Schätze nützen nichts, Gerechtigkeit aber rettet vor dem Tod», lautet dieser Spruch Salomos in der uns verständlicheren Version der aktuellen Zürcher Bibel. Ein Vers, den wir sofort unterschreiben, klingt er doch wie ein Plädoyer für Nachhaltigkeit oder Fairtrade: Gestohlene oder ertrogene Besitztümer haben keinen dauerhaften Nutzen. Der sorgsame und gerechte Umgang mit unseren irdischen Ressourcen oder der Erwerb von fair hergestellten Produkten liegt der Mehrheit von uns am Herzen. Umso frustrierender ist es, dass diese 3000 Jahre alte Weisheit die Menschen nicht dazu gebracht hat, sich daran zu halten, sondern die Weltgeschichte und der globale Handel voller Ausbeutung und Ungerechtigkeit sind. So stehen auch wir täglich vor dem Dilemma: Was bringt es, wenn ich statt Fast-Fashion fair hergestellte Kleider trage? Wieso soll ich meinen Esstisch im Brockenhaus holen, wenn es so viele billige Möbelhäuser gibt? Wir sind ständig mit ethischen Entscheidungen konfrontiert, die sich um die Frage nach der Gerechtigkeit drehen. Dass all die Generationen vor uns sich nur begrenzt daran gehalten haben, soll kein Freipass für uns Nachkommen sein, so weiterzumachen. Und doch finde ich es eine der wichtigsten Aufgaben in unserem Alltag uns für ein gerechtes Leben zu engagieren. Das heisst, verantwortungsbewusst zu handeln, auch wenn niemand hinsieht.

Von: Esther Hürlimann

30. Oktober

Der HERR hebt auf den Dürftigen aus dem Staub. 1. Samuel 2,8

Ist das so? Werden dieser Tage alle, die ich als Bedürftige sehe, aus dem Staub gehoben? Geht es den Menschen, die ihre Angehörigen unter dem Schutt, der Aggression der Mächtigen hervorklauben, jenen, die keine Unterkunft oder Nah-rung mehr finden und unter Brückenbögen nächtigen, oder jenen, die wegen Unwettern Hilfe erhoffen, geht es ihnen so, dass sie aus dem Staub gehoben werden?

Ich drehe die Frage einmal um. Wer ist der Herr, auf dessen Handeln hier verwiesen wird? Eine abstrakte, jenseitige Grösse? Meint «Herr» hier möglicherweise all jene, die aufhorchen, wenn in der Schrift von Bedürftigen als den Witwen und Waisen, Unterdrückten und Versklavten die Rede ist? Sind die Bedürftigen jene, die, wie einst Israel, als Volk durch endlose Wüsten wandern, um gelobtes Land zu finden? Ist es hier, wo der Bahnhof, das Schlauchboot, der Grenzzaun zum Punkt wird, wo Bedürftige aus dem Staub ihres Elends gerettet werden könnten – von uns? Ist es hier, wo das Aufheben für eine Willkommenskultur steht? Ist es hier, dass der Herr in unserer Gestalt sich an die Arbeit macht? Wird hier den Bedürftigen die Hoffnung nach Erhe-ung, nach Wohlergehen begegnen?

Steht hier «wir schaffen das»?

Von: Gert Rüppell

29. Oktober

Jesus sprach zu Simon und Andreas: Kommt, folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! Markus 1,17

«… und sogleich verliessen sie ihre Netze und folgten ihm nach», so die Fortsetzung. Knapper, kompromissloser kann man eine Berufung nicht aussprechen. Simon Petrus und Andreas scheinen keinen Augenblick gezögert zu haben.

Ob sie sich unter «Menschenfischern» etwas vorstellen konnten? Ein paar Jahre waren sie mit ihrem Meister unterwegs, zwölf Männer, die einander nicht ausgesucht hatten. Es war kein Spaziergang: lange Märsche, Nächte im Freien, knurrende Mägen. Aber es gab auch ausgelassene Feiern an üppig gedeckten Tischen. Wunderbares geschah, Kranke wurden gesund und tanzten vor Freude, die Armen kamen in Scharen, und die Jünger waren ganz nahe dran. Als die Gegner des Meisters ihre Felle davonschwimmen sahen, wuchs ihr Hass ins Unermessliche. Unterdessen stritten sich die Jünger: Wer ist der Grösste? Verstanden sie, was sich anbahnte? Wohl kaum.

Als Jesus gefangen wurde, leugnete Petrus, ihn zu kennen. Als Jesus starb, starb auch die Berufung des Jüngers. Da blieb nur noch Verzweiflung.

Wer hätte gedacht, dass auch die Berufung auferstehen würde? Wochen später sagt der gleiche Petrus vor dem Hohen Rat: «Wir können nicht anders, als von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.» (Apostelgeschichte 4,20)

Von: Dorothee Degen-Zimmermann