5. Januar

Bewahre mich, Gott; denn ich traue auf dich. Psalm 16,1

Die Zürcher Bibel übersetzt: «Behüte mich, Gott, denn bei dir suche ich Zuflucht.» Das Verb «Zuflucht suchen» und das Substantiv «Zuflucht» haben eine konkrete Bedeutung. Die Klippdachse, die wie Meerschweinchen aussehen, finden in den Spalten zwischen den Felsen einen geschützten Lebensraum: einen Unterschlupf, in den sie immer wieder zurückkehren (Psalm 104,18). Das Dach einer Hütte bietet Schatten, wenn die Sonne brennt, oder Schutz vor einem starken Regen. (Jesaja 4,6)
Heute braucht man das hebräische Wort, das als Verb mit «Zuflucht suchen» übersetzt wird, für den Luftschutzkeller, der einen vor kriegerischer Gewalt bewahrt, wie auch für eine Institution, in der verwaiste Kinder oder Menschen mit einer Behinderung betreut werden. In der Sprache der Psalmen wird «Zuflucht suchen» zu einem umfassenden Ausdruck dafür, dass Menschen Geborgenheit suchen und sie in der Beziehung zu Gott finden. Nötig haben dies nicht nur «die anderen», die vielleicht zu einer besonders vulnerablen Gruppe gehören. Alle machen die Erfahrung, dass sie äusseren Gefahren, aber auch inneren Verunsicherungen ausgesetzt sind. Menschliche Beziehungen geben einen gewissen Halt, können aber auch enttäuschen. Die Hinwendung zu Gott ist der Weg zu einer Zuflucht, die nicht von äusseren Faktoren abhängig ist. Viele Psalmen helfen, dieses Vertrauen zum göttlichen Du zu vertiefen.

Von: Andreas Egli

4. Januar

Wessen Zuversicht der HERR ist, der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt. Er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte. Jeremia 17,7.8

Haben Sie auch einen Lieblingsbaum? Meiner ist die Linde auf Boldern. Ihr Blätterwerk gibt Schatten, beschützt, lässt aber den Blick ins Licht zu. Ihre Blüten riechen wunderbar und ihre Früchte würden einen feinen Tee ergeben. Die Linde mit den alten Wurzeln ist für mich ein Symbol der Zuversicht, weil sie schön ist, mich beschützt und meine Gedanken auffängt. Ich brauche die Zuversicht, damit ich meinen Weg gehen kann, damit ich für jeden Schritt Kraft habe. Zuversicht nimmt mich mit, lässt mich nicht stehen bleiben. Ich bekomme sie, wenn ich mit Menschen unterwegs bin, Menschen, die mit mir gehen. Ich bekomme sie, wenn ich Gott, die Lebendige, darum bitte. Und ich bekomme sie, wenn ich an meine Grosskinder denke und ihnen einen guten Weg wünsche. Ich bekomme sie aber auch, wenn ich an meine Wurzeln denke und dankbar auf mein Leben schaue, mit allen Höhen und Tiefen. Und gerade die Momente des Kraft-Schöpfens kann ich unter meiner Linde erfahren. Denn sie erinnert mich daran, dass unter ihrem Dach Visionen entstanden sind und weiter entstehen, Visionen von Gerechtigkeit und Frieden und der Würde aller Menschen.

Schenke uns immer neu Zuversicht und den Blick auf dich.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Januar

Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer; und wer sich über eines andern Unglück freut, wird nicht ungestraft bleiben. Sprüche 17,5

Ist doch selbstverständlich, wenn wir mit wachen Augen auf die Welt schauen! Und das ist doch Teil unseres Weges mit Gott, der Lebendigen. Auf diese Selbstverständlichkeit folgt, wie könnte es anders sein, ein Aber. Die Schöpfung ist ein Ganzes, die eine bewohnte Erde. Und da stossen wir auf so viele arme, leidende, hungernde Menschen, Menschen auch, vor allem Frauen, denen die Bildung versagt bleibt. Die Losung mutet uns zu, auf der Seite der Armen zu sein und Gottes Schöpfung zu bewahren. Unser Einstehen ist gefragt. Was aber, wenn wir mit der Ohnmacht zu kämpfen haben? Dann tut es gut, den Blick auf Gott, die Lebendige, zu richten und sie um Beistand für die Menschen in Armut zu bitten. Wir sollen aber auch Widerstand leisten, Widerstand dagegen, dass die Würde der Menschen verletzt wird. Und wir können unsere Visionen von Gerechtigkeit und Frieden mit andern teilen. Die Lebendige braucht Menschen, denen das Leben aller wichtig ist. Und so denke ich ganz besonders an all die Frauen, die unter struktureller Gewalt und Unterdrückung leiden. Und ich denke an die Menschen, die unter Krieg leiden. Und ich empöre mich, wenn kranken Kindern aus dem Gazastreifen die Pflege bei uns verweigert wird. Gottes Zumutung ist das Einstehen für die Armen.

Schenke du den armen Menschen deine Liebe.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Februar

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches
eine grosse Belohnung hat.
Hebräer 10,35

Heute ist alles besser. Längst noch nicht perfekt, aber der früheren Wegwerfgesellschaft werden doch inzwischen die Konsequenzen einer enthemmten Verschwendung klarer.
Heute ist alles besser, aber noch nicht gut. Denn in einer noch viel grösseren, geistlichen Wegwerfgesellschaft lebten Menschen schon vor der Industrialisierung, schon zu biblischen Zeiten.
Der Abfall stinkt zum Himmel – Vertrauen wird mit Schwung weggeworfen und meist die Hoffnung gleich dazu, wenn man gerade dabei ist.
Da werden in Parlamenten aus kurzfristigem Kalkül Misstrauensanträge gestellt, mit medialem Getöse und politisch verheerenden Spätfolgen.
Da wachsen Kinder auf, die zuerst lernen, dass Vertrauen fehl am Platz ist. Sie kapieren bald, wie man andere austrickst oder übers Ohr haut, wenn das den grössten Teil ihrer eigenen Lebenserfahrung ausmacht.
Da komme ich mir blöd vor, wenn mir die nächste Lügengeschichte, abenteuerlicher als die letzte, aufgetischt wird.
Vertrauen muss nach Enttäuschungen aufwändig recycelt werden, damit es «wiederverwertet» werden kann, es muss gründlich gereinigt werden von Wut, Bitterkeit und Resignation – mit Geduld und Versöhnungsbereitschaft.
Euer Mülleimer wird nicht mehr voll? Werft eure Sorgen weg!

Von: Dörte Gebhard

1. Februar

Eure Liebe ist wie der Tau, der frühmorgens vergeht! Hosea 6,4

Freundlich meinst du das nicht, Hosea! Aber heute bürste ich einmal gegen deinen strengen Strich. Menschliche Liebe ist vergänglich, weil wir endliche Geschöpfe sind. Wir schaffen nicht das grosse Ganze. Das Halbe ist bei uns schon viel. Das halb Gelungene ist sogar genug, schreibt Fulbert Steffensky, der sich mit der Liebe auskennt.
Hosea, ich kann dir folgen: Du denkst dir, menschliche Liebe sei zu schnell vorüber, löse sich einfach in Luft auf wie der kühle Tau, wenn die Sonne aufgeht.
Aber genau auf diesen flüchtigen Tau kommt es an. Von Mai bis Oktober, wenn in der Levante kein Regen fällt, ist er die verlässliche Flüssigkeitszufuhr für alle angebauten Pflanzen. Vom Morgentau werden Melonen saftig und das Gemüse reif, schreibt Peter Riede, der sich mit der Botanik auskennt.
Stell dir einmal vor, Hosea, wie viele Menschen auf Erden leben, die aus einer Liebe gezeugt wurden, die sofort wieder vorüber war. Du hast recht! Von der grossen Liebe sollte mehr und längerfristiger etwas zu sehen sein. Aber auch die flüchtige Liebe kann sich immerhin in einen Menschen verwandeln, der hoffentlich geliebt wird und selbst lieben kann.
Die Liebe wirkt, auch wenn sie nur ganz kurz deutlich zu sehen ist, wenn Luftballons in den Himmel entschwinden, wenn zu grosse Torten zu zweit angeschnitten werden.
Das schreibe ich nicht, weil ich mich auskenne mit Gottes Liebe, sondern weil ich ihr vertraue.

Freundlich meinst du das nicht, Hosea! Aber heute bürste ich einmal gegen deinen strengen Strich. Menschliche Liebe ist vergänglich, weil wir endliche Geschöpfe sind. Wir schaffen nicht das grosse Ganze. Das Halbe ist bei uns schon viel. Das halb Gelungene ist sogar genug, schreibt Fulbert Steffensky, der sich mit der Liebe auskennt.
Hosea, ich kann dir folgen: Du denkst dir, menschliche Liebe sei zu schnell vorüber, löse sich einfach in Luft auf wie der kühle Tau, wenn die Sonne aufgeht.
Aber genau auf diesen flüchtigen Tau kommt es an. Von Mai bis Oktober, wenn in der Levante kein Regen fällt, ist er die verlässliche Flüssigkeitszufuhr für alle angebauten Pflanzen. Vom Morgentau werden Melonen saftig und das Gemüse reif, schreibt Peter Riede, der sich mit der Botanik auskennt.
Stell dir einmal vor, Hosea, wie viele Menschen auf Erden leben, die aus einer Liebe gezeugt wurden, die sofort wieder vorüber war. Du hast recht! Von der grossen Liebe sollte mehr und längerfristiger etwas zu sehen sein. Aber auch die flüchtige Liebe kann sich immerhin in einen Menschen verwandeln, der hoffentlich geliebt wird und selbst lieben kann.
Die Liebe wirkt, auch wenn sie nur ganz kurz deutlich zu sehen ist, wenn Luftballons in den Himmel entschwinden, wenn zu grosse Torten zu zweit angeschnitten werden.
Das schreibe ich nicht, weil ich mich auskenne mit Gottes Liebe, sondern weil ich ihr vertraue.

Von: Dörte Gebhard

Mittelteil Januar / Februar

Unsere Neuen im Team.

Wie schon in der Einleitung erwähnt, sind wir ab diesem
Heft über dreissig Schreiberinnen und Schreiber. Wer wir
sind, können Sie jederzeit auf www.boldern.ch nachlesen. In
einem der nächsten Hefte werden wir wieder einmal alle im
Mittelteil kurz vorstellen, sodass sich auch Leserinnen und
Leser ohne Internet ein Bild von unseren Autorinnen und
Autoren machen können.
In dieser Ausgabe geben wir aber den fünf Neuen etwas
mehr Raum. Eine Frau und vier Männer schreiben ab 2026
Bolderntexte. Drei von ihnen wohnen in Deutschland, zwei
junge Autoren in der Schweiz.
Die fünf Neuen stellen sich selber vor mit dem, was ihnen
wichtig ist.
Wir bedanken uns bei Johanna Zeuner, Jonas Meier, Armin
Schneider, Simon Sigrist-Hellingman und Jan Simowitsch für
ihr Mitwirken und freuen uns auf ihre Texte!

Jonas Meier
Jahrgang 1997. Ein Losungsvers kann uns allen auf verschiedene
Weise in den Alltag hineinsprechen, jeden Tag neu.
Deshalb liegen die Bolderntexte bei mir immer griffbereit da.
Es ist mir eine Freude, eigene Bolderntexte beizusteuern und
auf diese Weise einen Anstoss zu geben, wie die Bibelverse
weiterwirken können. Als Pfarrer in Rheinfelden beschäftige
ich mich Tag für Tag mit der frohen biblischen Botschaft, die
manchmal so quer steht zu einer Welt, die aus den Fugen
gerät. Mir liegt dabei die persönliche Begegnung am Herzen:
Wie spricht das Wort in deine konkrete Lebenssituation?

Armin Schneider
Jahrgang 1955. Geboren und aufgewachsen in einem kleinen
Dorf in Mittelhessen, lebe ich seit über vierzig Jahren in Duisburg.
Nach dem Studium der Evangelischen Theologie in
Wuppertal, Zürich und Tübingen war ich zunächst vierzehn
Jahre Gemeindepfarrer im Duisburger Norden, danach sechs
Jahre ausschliesslich in der Krankenhausseelsorge tätig, von
2004 bis zu meinem Ruhestand Superintendent des Evangelischen
Kirchenkreises Duisburg. Ich bin glücklich verheiratet,
meine Frau und ich erfreuen uns an zwei erwachsenen
Söhnen. Den Ruhestand erleben wir als eine nicht zu verachtende
Lebensphase; ehrenamtlich bin ich weiterhin mit
Freude im seelsorglichen Bereich tätig und freue mich jetzt
auf die Herausforderung durch die Bolderntexte, die ich seit
etlichen Jahren regelmässig und gerne lese.

Simon Sigrist-Hellingman
Ich wurde 1996 in St. Gallen geboren und bin im Zürcher Unterland aufgewachsen. Nach dem Theologiestudium in Zürich, Tübingen und Stassburg, dem Praktischen Semester in Zollikon und dem Vikariat im Kirchkreis 10 der Stadt Zürich (Höngg, Wipkingen West, Oberengstringen) bin ich nun im Pfarramt der Reformierten Kirchgemeinde Walenstadt-Flums-Quarten tätig. Die Herrnhuter Losungen inspirieren mich jeden Tag aufs Neue und sprechen in unsere Zeit.


Jan Simowitsch
Jahrgang 1980. Fragt nicht, warum! Es kam, wie es kam, und es ist gut: Ich wurde für alle überraschend Kirchenmusiker, Komponist und Autor. Als Kirchenmusiker habe ich unter anderem acht Jahre lang das Popinstitut der Nordkirche leiten dürfen und dabei das Song-Projekt «Monatslied» entwickelt. Für meine Kompositionen, meist Klaviermusik, lasse ich mich von der Natur inspirieren. Als Autor schreibe ich regelmässig Texte für verschiedene Zeitschriften und auf Instagram. Im Jahr 2025 habe ich im Bene!-Verlag mein Buch-Debüt «Und der Wal spuckt mich aus» veröffentlicht. Und nun freue ich mich auf die Bolderntexte und bin gespannt auf alles, was da jetzt kommt.


Johanna Zeuner
Volltheologin, Baujahr 1965. In der Wartezeit auf das Vikariat: Ausbildung zur Erzieherin. Wechsel nach Österreich, wo ich ordiniert wurde und in einem Kurort samt Dorf und am Stadtrand Wiens gearbeitet habe. Es folgten viele Jahre im gymnasialen Religionsunterricht. 2014 Rückkehr nach Deutschland; zunächst nach Berlin, dann in die Heimatstadt Verden an der Aller, wo ich an Haupt- und Realschulen unterrichte, nicht nur Religion. Ausbildung in systemischer Beratung.
Seit meinem 17. Lebensjahr ist Sprache für mich ein künstlerisches Ausdrucksmittel und eine biografische Bearbeitungsform. Damit tat sich auch theologisch ein neuer Weg auf. Nebenberuflich habe ich journalistisch gearbeitet. In meiner Freizeit bin ich fotografisch und musikalisch unterwegs. Ich freue mich, für Boldern schreiben zu dürfen. Die Losungskommentare schätze ich schon sehr lange für ihre Offenheit und ihren Lebensweltbezug.

31. Januar

HERR, du lässest mich fröhlich singen von deinen
Werken, und ich rühme die Taten deiner Hände
. Psalm 92,5

Ein ansteckend fröhlicher Losungsvers! Was lässt Sie denn heute fröhlich singen? Oder vielleicht nicht so fröhlich, aber Singen könnte helfen?
Mir fällt ein Gedicht von Matthias Claudius ein, es ist überschrieben mit «Täglich zu singen»: «Ich danke Gott und freue mich/ wie’s Kind zur Weihnachtsgabe,/ dass ich bin, bin! Und dass ich dich,/ schön menschlich Antlitz habe.»
So geht es durch neun Strophen, und am Ende kann man dem Dichter nur recht geben: «Gott gebe mir nur jeden Tag,/ so viel ich darf zum Leben./ Er gibt’s dem Sperling auf dem Dach;/ wie sollt’ er’s mir nicht geben!»
Unsere Gesangbücher enthalten einen riesigen Schatz an Liedern, sie sind über Hunderte von Jahren entstanden. Es sind Gebete, Bekenntnisse, Lob, Dank, auch Klage. Viele sind in Vergessenheit geraten, andere haben sich taufrisch erhalten.
Im Gottesdienst dürfen die Lieder nicht fehlen. Sie sind eine Einladung an alle, sich aktiv zu beteiligen, ob laut oder leise, falsch oder richtig, ist unwichtig. Keinesfalls sollten wir den Gesang ganz an eine Band oder einen Chor delegieren und uns mit Zuhören begnügen. Manchmal entwickelt sich ein Lied zum Ohrwurm. Mir ist das willkommen, die Worte prägen sich ein und liegen für weiteren Gebrauch bereit. In schlaflosen Nächten zum Beispiel.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

30. Januar

Der HERR sprach zu seinem Volk: Siehe, ich will
euch Getreide, Wein und Öl die Fülle schicken, dass
ihr genug daran haben sollt.
Joel 2,19

In unserem Supermarkt an der Ecke – und es gibt bei uns viele – kann ich beim Blick auf die Regale nur sagen: Wohl versprochen, Gott, gut geht es uns und wir haben Getreide, Wein und Öl, und nicht nur das, in Fülle! Offensichtlich haben wir, auf Neudeutsch, einen Deal. Dann gibt es auch noch vieles, was nicht wir, sondern Menschen im globalen Süden für uns produziert haben. Geht es uns also gut? Ist also alles paletti? Paletti für alle im Ort?
Da gibt es Hinweise, dass dieser Wohlstand nicht allen zugutekommt, für viele bedroht ist. Solche Hinweise gab es auch bei Joel, wenn wir in seinem Text ein wenig zurückgehen. Da ist von Hunger und Not, Krieg, Plagen und Dürren die Rede. Da wendet sich das Volk an Gott, bittet um Verschonung. Und dann kommt in Gottes Reaktion dieser bemerkenswerte Satz: «Zerreisst nicht eure Kleider, sondern eure Herzen, dann will ich euch helfen.»
Auch wenn es hier gelegentlich zu Ernteausfällen, Wasserknappheit und Überschwemmungen kommt, der Mangel regiert nicht bei uns. Die Welternährungskrise mit ihren Notlagen findet mehrheitlich im globalen Süden statt.
Aber: Sind wir dennoch das angesprochene, bedrohte Volk? Sollen wir unser Herz zerreissen und nicht die Kleider? Geht es um veränderte Politik und nicht um Almosen? Um ein verändertes Miteinander in Gottes Schöpfung? Um Gerechtigkeit, also weniger Eigennutz?

Von: Gert Rüppell

29. Januar

Der Geheilte stand auf und nahm sogleich sein
Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich
alle entsetzten und Gott priesen und sprachen:
Wir haben solches noch nie gesehen.
Markus 2,12

In dieser bekannten Geschichte stolpere ich über zwei Wörter: «entsetzen» und «preisen». Die Heilung des Kranken löst anscheinend gegensätzliche Reaktionen aus.
Da ist der Schrecken über die Tat Jesu. Ist es Schrecken über die Durchbrechung des Gewohnten? Vom Ort des Krank- und Gefangenseins wegzugehen, ist ein Akt der Befreiung. Da nimmt einer sein Bett und geht nach der Erlösung hinaus. Die in der Hütte eng gedrängten Beobachter der Szene müssen bei allem Schrecken doch auch den Hauch dieser Befreiung, des Heils der Heilung gespürt haben, sonst würden sie nicht «preisen»!
Sie verbinden das noch nie Gesehene, die Befreiung, mit Jahwe.
Der Dialog mit den Schriftgelehrten, der unserem Text vorausgeht, verweist ja auf zwei Befreiungsnotwendigkeiten beziehungsweise Befreiungsmöglichkeiten: Vergebung und Heilung. Beide sind ureigenste Bestandteile eines Lebens mit und in Gott. Täglich erkennen wir «Krankheit», die sich in den Unversöhnlichkeiten zwischen Menschen oft auch physischen Ausdruck verschafft. Die Vollmacht Gottes in Christus liegt für uns, so glaube ich, in gelebter Vergebung, um aufzustehen für ein neues Leben.

Von: Gert Rüppell

23. März

Jesus spricht: Ich und der Vater sind eins. Johannes 10,30

Jesus spricht diese Worte in Bedrängnis: Menschen auf dem Tempelweihfest werfen ihm vor, Gotteslästerung zu betreiben, weil er, ein Mensch, sich zu Gott mache und sich Gottes Sohn nenne!
«Ich und der Vater sind eins.» Diese Worte zeugen von einer symbiotischen, untrennbaren Verbundenheit, ganz ohne Hierarchie. Ob das wohl das Provozierende war?
In diesen Worten von Jesus erscheint der Vater nicht als Beschützer, nicht als Richter, nicht als Wegbereiter, sondern irgendwie aus demselben «Material» wie Jesus. Er ist in Jesus, er wirkt durch Jesus.
Ich sprach einmal mit einer Frau, die in ihrer Jugend Schweres erlebt hat. Sie sagte: «Ich fühlte mich dadurch immer von Gott getrennt, denn wo soll bei Gott das Schlechte, Dunkle Platz haben?» Ihr spiritueller Weg führte sie zum Daoismus. Sie nennt das «Dao» einen Ursprung, einen Grund allen Seins, aus dem alles Lebendige hervorsteigt und Gestalt annimmt. Darin kann sie sich einfügen.
«Ich und der Vater sind eins», sagt Jesus. In mir entsteht nun dazu dieses Bild: Den Vater stelle ich mir als Urfluss vor und Jesus als eine Abzweigung daraus. Er fliesst durch unsere Welt, und in ihm fliesst der Vater. Und wir? Wir dürfen uns aus diesem Fluss nähren, daraus wachsen, ihn als lebensspendenden Strom in uns spüren.

Von: Katharina Metzger