12. Februar

Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und
deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir,
denn ich erlöse dich!
Jesaja 44,22

Ich schaue oft zum Himmel, folge den Wolken und sehe darin Tiere, Gesichter und manch anderes mehr. Das Spiel fasziniert mich, und ich werde nicht müde, immer wieder Neues zu sehen. Und morgens, wenn ein sanfter Nebel über den Hügeln liegt, schaue ich hinaus und werweisse, ob die Sonne durchbricht und wann.
Hinter dem Nebel, dem Blau des Firmaments und über den Wolken orten wir bisweilen die zentrale Kraft unseres Universums, oben weit darüber stellen wir uns Gott vor und er tilgt «Missetat» und «Sünden» wie «Wolken» und «Nebel». Wischt sie aus und reinigt unsere Seele.
Allerdings, glauben tue ich das nicht. Schuld bleibt Schuld. Doch das Beste, was einem passieren kann, ist, sich trotz allem geborgen zu fühlen in der Hand Gottes. Wir sind angenommen mit all unseren Verfehlungen. Wer so fühlen darf, ist reich beschenkt.
Unsere Missetaten und Sünden gehören zu uns, sie anzunehmen ist schwierig. Gelingt es uns, sie zu ertragen und sich gar mit ihnen auszusöhnen, ist es nicht mehr weit zu Gottes Gnade und der Geborgenheit «im Schatten seiner Flügel».

Von: Kathrin Asper

11. Februar

Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein liebes Kind? Denn sooft ich ihm auch drohe, muss ich doch seiner gedenken; darum bricht mir mein Herz, dass ich mich seiner erbarmen muss, spricht der HERR. Jeremia 31,20

Wer das Buch Jeremia von Anfang bis Ende liest, muss sich auf ein Wechselbad der Gefühle gefasst machen. Grund für das emotionale Auf und Ab ist der Treuebruch Israels. In den Worten des Propheten spiegelt sich eine Beziehung im Dauerstress. Gott spricht einmal streng als Richter und dann wieder enttäuscht wie ein betrogener Ehemann. Mit der Ehemetapher gesagt: Alles sieht nach Scheidung aus! Schaut man auf das ganze gott-menschliche Beziehungsdrama, sticht beim Vergleich der unterschiedlichen Beziehungstypen die elterliche Bindung heraus. So auch hier. Gott spricht voll Erbarmen wie ein Vater mit seinem geliebten Kind. Da ist zwar Schmerz, aber keine Eifersucht, und da ist Erziehung, aber auch ein starkes Engagement. Die elterliche Verbindung geht so tief. Sie hat etwas Unverbrüchliches. Weil sich Eltern nicht von ihren Kindern scheiden lassen können! Eltern können ihre Kinder verstossen oder enterben, aber sie bleiben mit ihnen verbunden. Und wenn sie kein Herz aus Stein haben, geben sie die Hoffnung nicht auf, dass auch ein Beziehungsbruch heilen kann. Der eifersüchtige Gott, der auf Treue pocht, ist einschüchternd, der Vater mit dem gebrochenen Herz, der seinen Schmerz offenbart, lässt auf Versöhnung hoffen.

Von: Ralph Kunz

10. Februar

Jakob sprach: HERR, ich bin zu gering aller
Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast.
1. Mose 32,11

Jakob hat recht! Er hat Gottes Barmherzigkeit und Treue nicht verdient – schliesslich hat er seinem Bruder das Erbe abgeluchst und musste vor dessen Rache fliehen. Aber er hatte Glück! Er ist bei seinem Onkel Laban zu Reichtum gekommen. Jetzt will er nach Hause. Ob ihm sein Bruder nach vierzehn Jahren noch zürnt? Jakob will sich mit Esau versöhnen. Eine mutige und demütige Annäherung mit ungewissem Ausgang. Also betet er: «Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus; denn ich fürchte mich vor ihm.» Vor ihm liegt der Jabbok und eine weitere Nacht, in der Jakob mit Gott (oder einem Flussdämon) ringt und nicht loslässt, bis er einen Segen erhält. Erst dann geht er – hinkend – Esau entgegen. Und es folgt die Versöhnung.
Jakob ist eine schillernde Figur: ein Träumer, Liebender und Kämpfer. Er trägt jedoch den Segen Abrahams und Saras weiter, eine Rolle, die eigentlich dem älteren Esau zugestanden hätte. Warum er? Gott hat ihn erwählt. Als ob es Gott gefallen würde, wenn sein Heilsplan Haken schlägt, als ob er Freude am Schlitzohr hätte. Vielleicht, weil Gott in Jakobs Herz die Bereitschaft sieht, auf sein Erbarmen und seine Treue zu vertrauen?
Quasi sola gratia!

Von: Ralph Kunz

9. Februar

Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. 3. Mose 19,33

In unserem Haushalt gibt es einen Fremdling, und der bin ich mir selbst. Ich lebe nun schon eine ganze Weile auf dieser Welt und ich lebe mit Gott und mit der Frau meines Lebens und ich teile mein Leben mit Männern und Frauen in einer Lebensgemeinschaft. Ich hatte also viel Zeit und viele Gelegenheiten, mich selbst kennenzulernen. Aber meine Kenntnisse über mich selbst bleiben, trotz der vierzig Jahre Seelsorge, trotz aller Rückmeldungen und aller Erfahrungen, bruchstückhaft.
Ich bin mir heute ein besserer Freund als noch vor dreissig Jahren. Viele dunkle Täler sind durchschritten. Ich kann heute die anderen besser verstehen. Sie auch einfach sein lassen und mich an ihnen freuen. Sie nicht zu bedrücken, das ahne ich, hat damit zu tun, dass ich mit mir selbst versöhnt leben kann. Ich musste mich früher mehr abgrenzen, hatte klarere Meinungen über andere; ein Urteil war rasch gefällt. Die Federn, die ich liess, machen mein Leben einfacher.
Die Aufforderung, die wir im 3. Buch Mose lesen, verhallt ungehört, wenn sie nicht auf Menschen trifft, die mit dem, was sie sind und haben, im Reinen sind. Wer mit sich kämpft, kämpft leicht gegen andere. Er sucht Sündenböcke für das eigene Elend. Nur wenn ich mich selbst nicht bedrücke, bedrücke ich auch keine anderen. Das erfahren zu haben, macht mich sehr dankbar, wenn ich auf den Weg zurückblicke, den Gott mich führte. Die Aufforderung macht mich ratlos, wenn ich sehe, wie viel Streit überall herrscht.

Von: Heiner Schubert

8. Februar

Der HERR hat Grosses an uns getan;
des sind wir fröhlich.
Psalm 126,3

Auch hier tropft der Überfluss an Güte und Liebe nur so zwischen den Zeilen heraus. Dem Herrn danken, einverstanden. Fröhlich sein darum, dass wir dem Herrn danken können, auch einverstanden. Aber dieses «alles wird immer gut etc.» stört mich oft beim Bibellesen. Ich sehe das mehr als eine Vision, die wir für die Welt haben sollen. Ja, Hoffnung soll bestehen blieben, da gehe ich ganz mit. Und zum Glück haben wir auch viele und schöne Klagepsalmen in der Bibel. Einmal buchstäblich «abkotzen» bei Gott, alles hinwerfen und direkt und ehrlich sein mit allem, was nicht rundläuft. Bitten, dass es gut oder besser werde. Oder eben einfach klagen und schreien und toben und wütend sein mit Gott und der Welt. Ich habe seit über fünfundzwanzig Jahren mein Ventil in der Musik gefunden. «Death Metal» als eine der härtesten Spielarten des Heavy Metal. Gerade vor kurzem war ich wieder im «Z7» in Pratteln mit Freunden an einem Konzert. Es stellt mir die Haare auf den Armen auf, wenn ich an die Stille vor dem Konzert denke. Das Intro der Band, dann das Licht, die Show, die Musik, die Lautstärke, das Leben, die Liebe, die ich für diese Menschen und dieses Genre empfinde, einfach unbeschreiblich schön. Der HERR hat mir wahrlich das Leben gerettet, ohne «Death Metal» hätte ich es nicht geschafft.

Von: Markus Bürki

7. Februar

Seine Herrschaft wird gross und des Friedens
kein Ende sein.
Jesaja 9,6

Das Jesajabuch beschreibt einen rettenden Gott. Einen, der Gerechtigkeit liebt, aber auch einiges von seinem Volk einfordert. In grossen Visionen umschreibt das Buch, wie so eine Welt voller Gerechtigkeit aussehen könnte.
Schwerter werden zu Pflugscharen, und anstelle von Kriegsgräueln gibt es Nahrung für alle. Keine korrupte Oberschicht, und am Ende werden alle Völker zusammen in Frieden und Glück leben. Schön tönt es, oder?
Diese Vision bleibt leider so lange eine Vision, bis sich auch der Hinterste und die Letzte daranmachen, nicht nur an sich zu denken (und das eigene Portemonnaie!), sondern auch an die anderen Lebewesen auf diesem wunderbaren Planeten.
Egoismus, Selbstverwirklichung, Me-Time, alles okay, aber wann ist auch einmal genug? Gestern habe ich mit einem halben Auge eine Doku im TV geschaut zum Thema Sucht und zum Umgang mit Smartphones. Es scheint noch viel schlimmer, als ich es auf meiner aktuellen «Karte» vor mir liegen habe. Das «Gebiet» hat sich so schnell und rasant verändert, dass ich mir heute wirklich überlegen muss, meinen Kindern erst mit zwanzig ein eigenes Smartphone zu erlauben… Okay, mit achtzehn, dann sind sie ja mündig.
Es bleibt mir nichts anderes, als wachsam zu sein und mich immer wieder Gott hinzuwerfen mit der Bitte: «Herr, bitte hilf mir!»

Von: Markus Bürki

6. Februar

Du, HERR, bist gerecht, wir aber müssen uns
alle heute schämen.
Daniel 9,7

Wie kann ein Volk der eigenen Religion treu bleiben, wenn es unter der Vorherrschaft eines anderen Landes und seiner Kultur lebt? Mit dieser Frage, die für das Judentum bis heute aktuell ist, beschäftigt sich das Danielbuch. In einer Reihe von Erzählungen blickt es zurück auf die Zeit des Exils. Daniel ist ein Vorbild als weiser Mann, der bis in hohe Ämter am babylonischen Königshof aufsteigt, aber am israelitischen Glauben festhält. Im Lauf der Jahrhunderte wurde Israel von wechselnden Grossmächten dominiert: Babylon, Medien, Persien und schliesslich Griechenland. In den Visionen des Danielbuchs ist diese Abfolge umgesetzt. Auf die attraktive griechische Kultur reagierte man im Judentum sehr gegensätzlich. Die einen waren für eine Öffnung und arbeiteten mit dem Griechenkönig zusammen, der im Tempel von Jerusalem ein griechisches Götterbild aufstellen liess. Andere stellten sich als religiöse Nationalisten gegen alles Griechische und machten einen gewaltsamen Aufstand. Das Danielbuch tritt für einen vorsichtigeren Mittelweg ein: Treue zur eigenen Tradition, aber ohne Gewalt. Es vertraut darauf, dass Gott der wahre König ist, gerecht und barmherzig. Die Zeit wird kommen, dass Gott eine Wendung zum Guten herbeiführt. Das Gebet im Kapitel 9 ist ein Ausdruck dieses Vertrauens.

Von: Andreas Egli

5. Januar

Bewahre mich, Gott; denn ich traue auf dich. Psalm 16,1

Die Zürcher Bibel übersetzt: «Behüte mich, Gott, denn bei dir suche ich Zuflucht.» Das Verb «Zuflucht suchen» und das Substantiv «Zuflucht» haben eine konkrete Bedeutung. Die Klippdachse, die wie Meerschweinchen aussehen, finden in den Spalten zwischen den Felsen einen geschützten Lebensraum: einen Unterschlupf, in den sie immer wieder zurückkehren (Psalm 104,18). Das Dach einer Hütte bietet Schatten, wenn die Sonne brennt, oder Schutz vor einem starken Regen. (Jesaja 4,6)
Heute braucht man das hebräische Wort, das als Verb mit «Zuflucht suchen» übersetzt wird, für den Luftschutzkeller, der einen vor kriegerischer Gewalt bewahrt, wie auch für eine Institution, in der verwaiste Kinder oder Menschen mit einer Behinderung betreut werden. In der Sprache der Psalmen wird «Zuflucht suchen» zu einem umfassenden Ausdruck dafür, dass Menschen Geborgenheit suchen und sie in der Beziehung zu Gott finden. Nötig haben dies nicht nur «die anderen», die vielleicht zu einer besonders vulnerablen Gruppe gehören. Alle machen die Erfahrung, dass sie äusseren Gefahren, aber auch inneren Verunsicherungen ausgesetzt sind. Menschliche Beziehungen geben einen gewissen Halt, können aber auch enttäuschen. Die Hinwendung zu Gott ist der Weg zu einer Zuflucht, die nicht von äusseren Faktoren abhängig ist. Viele Psalmen helfen, dieses Vertrauen zum göttlichen Du zu vertiefen.

Von: Andreas Egli

4. Januar

Wessen Zuversicht der HERR ist, der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt. Er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte. Jeremia 17,7.8

Haben Sie auch einen Lieblingsbaum? Meiner ist die Linde auf Boldern. Ihr Blätterwerk gibt Schatten, beschützt, lässt aber den Blick ins Licht zu. Ihre Blüten riechen wunderbar und ihre Früchte würden einen feinen Tee ergeben. Die Linde mit den alten Wurzeln ist für mich ein Symbol der Zuversicht, weil sie schön ist, mich beschützt und meine Gedanken auffängt. Ich brauche die Zuversicht, damit ich meinen Weg gehen kann, damit ich für jeden Schritt Kraft habe. Zuversicht nimmt mich mit, lässt mich nicht stehen bleiben. Ich bekomme sie, wenn ich mit Menschen unterwegs bin, Menschen, die mit mir gehen. Ich bekomme sie, wenn ich Gott, die Lebendige, darum bitte. Und ich bekomme sie, wenn ich an meine Grosskinder denke und ihnen einen guten Weg wünsche. Ich bekomme sie aber auch, wenn ich an meine Wurzeln denke und dankbar auf mein Leben schaue, mit allen Höhen und Tiefen. Und gerade die Momente des Kraft-Schöpfens kann ich unter meiner Linde erfahren. Denn sie erinnert mich daran, dass unter ihrem Dach Visionen entstanden sind und weiter entstehen, Visionen von Gerechtigkeit und Frieden und der Würde aller Menschen.

Schenke uns immer neu Zuversicht und den Blick auf dich.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Januar

Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer; und wer sich über eines andern Unglück freut, wird nicht ungestraft bleiben. Sprüche 17,5

Ist doch selbstverständlich, wenn wir mit wachen Augen auf die Welt schauen! Und das ist doch Teil unseres Weges mit Gott, der Lebendigen. Auf diese Selbstverständlichkeit folgt, wie könnte es anders sein, ein Aber. Die Schöpfung ist ein Ganzes, die eine bewohnte Erde. Und da stossen wir auf so viele arme, leidende, hungernde Menschen, Menschen auch, vor allem Frauen, denen die Bildung versagt bleibt. Die Losung mutet uns zu, auf der Seite der Armen zu sein und Gottes Schöpfung zu bewahren. Unser Einstehen ist gefragt. Was aber, wenn wir mit der Ohnmacht zu kämpfen haben? Dann tut es gut, den Blick auf Gott, die Lebendige, zu richten und sie um Beistand für die Menschen in Armut zu bitten. Wir sollen aber auch Widerstand leisten, Widerstand dagegen, dass die Würde der Menschen verletzt wird. Und wir können unsere Visionen von Gerechtigkeit und Frieden mit andern teilen. Die Lebendige braucht Menschen, denen das Leben aller wichtig ist. Und so denke ich ganz besonders an all die Frauen, die unter struktureller Gewalt und Unterdrückung leiden. Und ich denke an die Menschen, die unter Krieg leiden. Und ich empöre mich, wenn kranken Kindern aus dem Gazastreifen die Pflege bei uns verweigert wird. Gottes Zumutung ist das Einstehen für die Armen.

Schenke du den armen Menschen deine Liebe.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud