In meinem Zorn habe ich dich geschlagen, aber in meiner
Gnade erbarme ich mich über dich. Jesaja 60,10
Zion, die Stadt Jerusalem, wird zum Zentrum der Welt: Gott
lässt die Stadt wiedererstehen, ihre Mauern werden aufgebaut,
Schätze und Reichtümer werden zu ihr gebracht, Könige
werden ihr zu Diensten sein – eine geradezu messianische
Zukunft! Nach allem Leiden und aller auch von Gott
gewollten Zerstörung leuchtet nun ein neues, grosses Licht
in der Stadt und über der Stadt: Gott hat Gnade walten
lassen und sich erbarmt! Gott hat «gratia» gewährt – ein
letztlich unverdientes Geschenk Gottes aus Liebe zu den
Menschen. Und er hat sich erbarmt – das sehr alte deutsche
Wort «barm» bezeichnet das Innerste, auch den Schoss
oder den Busen einer Frau. Gott nimmt die Menschen also
zu sich auf den Schoss, er nährt sie, wie eine Frau ihrem Kind
die Brust bietet. Es sind Bilder der grössten Zärtlichkeit, mit
der hier Gottes Verhalten beschrieben wird. Es darf aber
nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Haltung eine
ganz andere vorangegangen ist: Gott hat sein Volk geschlagen,
damit es umkehrt. Hat Zion den Feinden ausgesetzt,
hat Verwüstung zugelassen. In diesem Licht wird das, was
danach über Zion und seinen Gott, der in ihm wohnt, gesagt
wird, noch grösser. Nicht Strafe oder Zorn sind das Letzte,
sondern Gnade und Barmherzigkeit! Gott hat beide Seiten,
aber am Ende ist die gnädige und barmherzige Seite
klar jene, die Gott seinem Volk zuwendet und ihm damit Liebe gibt.
Von: Hans Strub