25. März

HERR, steh auf, dass nicht Menschen die Oberhand gewinnen. Psalm 9,20

Es wird dem Christentum hin und wieder vorgeworfen, es habe ein viel zu negatives Menschenbild. Da werde ständig die Sünde, die Sündhaftigkeit und Verworfenheit betont, statt das Gute und Schöne im Menschen zu erkennen und zu fördern.
Was soll dieser Vorwurf? Lest doch bloss die Nachrichten! Ich bete aus tiefem Herzen mit dem Psalm um Bewahrung davor, dass Menschen sich durchsetzen. Wir beten es mit grosser Dringlichkeit, manche können es nicht ohne einen Anflug von Verzweiflung beten. Es braucht viel Glaubensmut, daran festzuhalten, dass Gott «im Regimente» sitzt und uns nicht denen überlässt, die ihre Muskeln spielen und Waffen sprechen lassen. Das Schlimmste daran ist, dass im Osten wie im Westen diese Machtmenschen als Heilsbringer und Werkzeuge Gottes verehrt werden von solchen, die sich nach Jesus Christus nennen. Wir aber beten: Lass sie nicht wirklich die Oberhand gewinnen. Wir beten es in der Passionszeit in der bewussten Erinnerung daran, dass Gott dieses Gebet nicht einmal für seinen Sohn am Kreuz erhörte. Da schienen die Menschen zu siegen. Aber wir beten auch in der dankbaren Gewissheit, dass wir am Ostermorgen lachend jubeln können: Nein, die Menschen haben die Oberhand endgültig verloren. Jetzt können Menschen wieder in Würde Menschen sein.

Von: Benedict Schubert

24. März

Der HERR wird seinen Engel vor dir her senden. 1. Mose 24,7

Die Aufgabe, mit der Abraham seinen ältesten Knecht ausschickt – die Tradition vermutet, es sei der in 1. Mose 15,2 genannte Eliëser von Damaskus –, ist im Grunde nicht zu bewältigen: Eliëser soll für Abrahams und Saras einzigen Sohn und Träger der Verheissung eine Frau suchen. Abraham ist zwar schon sehr gebrechlich, doch nicht so schwach, dass er nicht eine detaillierte Liste der Eigenschaften aufzählen könnte, die diese Frau haben müsse oder vor allem nicht haben dürfe.
Uns Heutigen kommt diese Aufgabe sehr fremd vor. Doch lesen wir sie als Modell für die Art von Aufträgen, die uns übertragen werden, jedoch so komplex und schwierig sind, dass jeder vernünftige Mensch davor zurückschrecken muss.
Eliëser macht sich auf den Weg, denn er hat nicht nur die konkreten Anweisungen, sondern auch die Zusage, dass der Ewige selbst seinen Engel vor ihm her senden werde.
Das rückt alles in eine anderes Licht, denn mit diesem Versprechen werden wir entlastet. Uns wird zugesagt: Das Unmögliche wird möglich, weil Gott handelt. Gott öffnet im richtigen Moment die richtige Tür. Gott schenkt dir die sichere Intuition dafür, was jetzt ansteht. Gott schickt dir einen Menschen über den Weg, der genau das sagt oder tut, was dir in dem Moment weiterhilft. Gott lässt dich auf die Idee kommen, die den Knoten löst. Engel gehen vor dir her und bahnen dir den Weg.

Von: Benedict Schubert

23. März

Jesus spricht: Ich und der Vater sind eins. Johannes 10,30

Jesus spricht diese Worte in Bedrängnis: Menschen auf dem Tempelweihfest werfen ihm vor, Gotteslästerung zu betreiben, weil er, ein Mensch, sich zu Gott mache und sich Gottes Sohn nenne!
«Ich und der Vater sind eins.» Diese Worte zeugen von einer symbiotischen, untrennbaren Verbundenheit, ganz ohne Hierarchie. Ob das wohl das Provozierende war?
In diesen Worten von Jesus erscheint der Vater nicht als Beschützer, nicht als Richter, nicht als Wegbereiter, sondern irgendwie aus demselben «Material» wie Jesus. Er ist in Jesus, er wirkt durch Jesus.
Ich sprach einmal mit einer Frau, die in ihrer Jugend Schweres erlebt hat. Sie sagte: «Ich fühlte mich dadurch immer von Gott getrennt, denn wo soll bei Gott das Schlechte, Dunkle Platz haben?» Ihr spiritueller Weg führte sie zum Daoismus. Sie nennt das «Dao» einen Ursprung, einen Grund allen Seins, aus dem alles Lebendige hervorsteigt und Gestalt annimmt. Darin kann sie sich einfügen.
«Ich und der Vater sind eins», sagt Jesus. In mir entsteht nun dazu dieses Bild: Den Vater stelle ich mir als Urfluss vor und Jesus als eine Abzweigung daraus. Er fliesst durch unsere Welt, und in ihm fliesst der Vater. Und wir? Wir dürfen uns aus diesem Fluss nähren, daraus wachsen, ihn als lebensspendenden Strom in uns spüren.

Von: Katharina Metzger

22. März

Ihr wisst, dass keine Lüge aus der Wahrheit kommt. 1. Johannes 2,21

Und was ist die Wahrheit? Für den Autor des Johannesbriefs ist es klar: Die Wahrheit ist, dass Jesus der Christus ist. Christus, das bedeutet: der Gesalbte. Das «Salben» kennen wir aus den Geschichten des Alten Testaments, in denen etwa Saul und David gesalbt, also mit Olivenöl begossen werden und damit ihre Königswürde erlangen.
Bei Jesus Christus gibt es keinen solchen Akt. Aber es gibt die schöne Geschichte, in der Maria aus Betanien Jesus die Füsse salbt. Der Zuname «Christus» ist eher das Resultat einer Erkenntnis, die sich in den urchristlichen Gemeinden durchgesetzt hat: Er ist der Gesalbte, er ist der Erlöser, durch ihn wirkt Gott. Dies ist denn auch die Botschaft des obigen Verses. – Der Autor nimmt das Thema des Salböls noch einmal auf: Dieses Salböl, ich verstehe darunter die Botschaft Jesu, haben die Menschen erhalten, dieses Salböl schützt sie vor falschen Belehrungen.
Als ich zwölf Jahre alt war, wurde ich gefirmt. Dabei trug der Bischof mir mit Öl ein Kreuz auf die Stirn auf. Ein Mädchen aus meiner Gruppe hatte zuvor gesagt: «Nach der Firmung wasche ich schnell das Öl ab, dann gehen wir ins Restaurant.» Ich selbst tat das nicht. Für mich hatte diese Handlung etwas Feierliches, fast Heiliges, was ich in meiner Kinderseele schön fand. So kann das äusserliche Salben etwas Wohltuendes sein und das innerliche Salböl, also die Botschaft Jesu, eine lebenslange Begleiterin.

Von: Katharina Metzger

21. März

Wenn du gegessen hast und satt bist,
sollst du den HERRN, deinen Gott, loben. 5. Mose 8,10

Wenn wir am Esstisch sitzen, beginnt ein kleines Ritual. Wir unterbrechen unseren Alltag und üben uns ein in Dankbarkeit. Meistens singen wir ein Lied. Als die Kinder klein waren, «Jedes Tierli hät sis Ässe». Jetzt sind die Kinder älter und wir machen ein Wunschkonzert. Fällt niemandem etwas ein, stimmen wir «Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König» an. Dann geht das Essen los.
Die Losung empfiehlt, auch nach dem Essen einen Schritt zurückzutreten und Gott zu loben. Wenn wir satt sind, ist die Gefahr gross, Gott zu vergessen.


Auch wir haben unsere kleinen Rituale am Tisch. Zunächst legen wir die Handys weg, dann reichen wir uns die Hände: «Segne uns Gott das Essen, Amen.» Dieses kleine Gebet ist kurz und knapp – passend für jedes Alter (und für jeden Hunger). Nach dem Essen räumt jeder sein Geschirr ab. Mir gefällt aber die Idee, das Essen mit einem Lob abzurunden. Zum Beispiel: «Gott sei Dank, denn seine Gnade währt ewig.» Diese Worte erinnern an den Psalm 100: «Danket ihm, preist seinen Namen. Ja, gut ist, Adonai. Auf ewig währt seine Güte und von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue!»

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

20. März

Sieh an meinen Jammer und mein Elend
und vergib mir alle meine Sünden! Psalm 25,18

Da erfleht eine Beterin Gottes Zuwendung aus einer schwierigen Situation heraus. Josua Boesch übersetzt ihre Worte: «Lueg, ich bin esoo dune, o wüürisch mi du doch verträge trotz alem.» Beim Lesen stosse ich berührt auf die tiefe Schönheit biblischer Klagen. Sie halten an Gott fest auch im Dunkel und im Rätsel der Gottverlassenheit. In ihnen steckt die ganze Wucht des kleinen Wortes «trotzdem». Die Beterin verstummt nicht, sondern sie schickt ihre Worte aus der Tiefe in den Himmel.


Worte finden für die Situation, in der ich stecke. Das ist ein grosses Geschenk des Betens. Wider die Sprachlosigkeit. Und manchmal braucht es dazu gar nicht viele Worte. Manchmal reicht schon das unaussprechliche Seufzen, mit dem der Geist Gottes für uns eintritt (Römer 8,26). So gesehen ist das Gebet auch eine Sprachschule. Und es bleibt nicht im Beschreiben des Elends stecken, sondern weist den Weg hinaus. Die Beterin betet weiter: «Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!» (Vers 20)

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

19. März

Jesus spricht: Ich bin gekommen, damit sie
das Leben haben und volle Genüge. Johannes 10,10

Gleich zwei «Ich bin»-Worte umrahmen die Losung im Gleichnis vom guten Hirten: «Ich bin die Tür» und «Ich bin der gute Hirte». Es geht um Jesus als den vom Vater Gesandten zur Offenbarung seiner Herrlichkeit. Wer diese Herrlichkeit erfasst, hat das Leben und volle Genüge, wie Martin Luther übersetzt. Im griechischen Urtext steht das Wort Leben und es im Überfluss haben, wörtlich: «ringsum über sich hinaus»: also Leben randvoll, nicht überbordend, nicht besinnungslos satt, aber gesättigt, zufrieden und mehr als das. Die Hochzeit zu Kana am Anfang des Evangeliums illustriert diese Fülle, die den Glaubenden zuteilwerden kann, schon im Hier und Jetzt.
Der Verfasser des Johannesevangeliums grenzt Jesus ab gegenüber weltlichen Machthabern, von «Dieben» (Vers 10a), die sich im Schafstall bedienen.
Passion deutet sich an. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe (Vers 11), damit die Seinen selig werden (Vers 9) und das ewige Leben (Vers 28) haben.
Sein Kreuzweg kreuzt unsere Wege –
hebt unsere Beschwernis auf.
Leben im Glauben –
kein Leben in Saus und Braus, aber in Fülle …

Von: Johanna Zeuner

18. März

Wende dich zu mir und sei mir gnädig;
stärke deinen Knecht mit deiner Kraft! Psalm 86,16

Heute geniesse ich den Ruhestand. Aber ich weiss noch allzu gut, wie das im Berufsleben war: Der Terminkalender gefüllt bis an den Rand, die Aufgaben und Herausforderungen türmen sich auf. Wie soll ich das alles schaffen?
Manchmal habe ich es in solchen Momenten geschafft, aus dem Hamsterrad auszusteigen und die Hektik zu unterbrechen. Nein, die Arbeit macht sich nicht von selbst. Und dennoch: Bevor ich anfange zu überlegen, wie ich diese oder jene Entscheidung treffe; bevor ich mir Gedanken mache, wie ich diesen oder jenen Termin angehen kann; bevor ich beginne, meine erste Ansprache zu formulieren: still werden, innehalten, mich besinnen: «Wende dich zu mir und sei mir gnädig; stärke deinen Knecht mit deiner Kraft.»
Da sind nicht nur die Entscheidungen, die ich zu treffen habe; da sind nicht nur die Termine, die bewältigt sein wollen; da sind nicht nur die Worte, die ich finde oder nicht finde – da ist auch noch ein Anderer.
Da ist der, vor dem ich still werden, zur Ruhe kommen und dem ich mich anvertrauen kann. Da ist eine Kraft in der Welt, die auch meinem Leben immer wieder neue Kraft gibt. Das habe ich erfahren dürfen und es hat mir gutgetan. Und tut mir auch heute, im Ruhestand, immer noch gut. Bevor ich einen Blick auf mein Smartphone werfe oder anderes beginne, mich dem zuwende, der sich mir zuwenden will. Der Tag fängt anders an …

Von: Armin Schneider

17. März

Sehet, dass ich’s allein bin und ist kein Gott neben mir! Ich kann töten und lebendig machen, ich kann schlagen und kann heilen, und niemand kann aus meiner Hand reissen. 5. Mose 32,39

Mit einem buchstäblich gewaltigen Lied beendet Mose seine Führungstätigkeit. In gut vierzig Versen rekapituliert er die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel, das sich in der Wüste verloren hatte und das dort von ihm gefunden wurde. Vor allem aber handelt das Lied von der erschreckenden Abkehr dieses Volkes von seinem Gott, indem es sich andere Götter schuf. Und als dann immer deutlicher wurde, dass diese «anderen Götter» ihm nicht helfen konnten, weil die Schicksalsschläge immer heftiger wurden – da liess Gott dieses Volk nicht fallen, aber zeigte ihm auf drastische Weise, wie grausam falsch der Weg war, den es selbstgerecht eingeschlagen hatte. Es sollte erkennen, dass es nur einen einzigen Gott gibt, ihn, Jahwe! Und dieser Gott will und wird sich in jeder Hinsicht durchsetzen. «Hört auf das, was Gott euch sagt», schloss Mose sein Lied, «das Wort des Herrn ist kein leeres Wort, sondern es ist euer Leben. Er wird seinem Volk Vergebung schenken und den Fluch der Schuld wegnehmen!» (Verse 43–47)
Wir wissen, dass die Geschichte Gottes mit den Menschen zu jeder Zeit sehr bewegt war, bis auf den heutigen Tag. Aber wir wissen auch, dass Gott zu keiner Zeit aufhörte, seine Menschen – uns alle – auf seinem Weg zu behalten, weil nur er zum Heil führt.

Von: Hans Strub

16. März

Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt,
und noch jetzt verkündige ich deine Wunder. Psalm 71,17

Je älter ich werde, desto öfter erfahre ich, wie meine Kräfte an ihr Limit kommen. Der Mensch, der diesen Psalm betet, kennt das, und er möchte gerne weiter tun, was er seit seiner Jugend immer wieder gemacht hat: Er hat von Gott geredet, von Gottes Schöpferkraft, von Gottes Gerechtigkeit, von seiner Treue, seiner Macht, seiner Hilfe und seiner Zusage, aus schweren Situationen zu erretten. Jetzt schwinden seine Kräfte, und er fürchtet, das bald nicht mehr zu können. Nicht mehr seinen Kindern und Enkeln erzählen zu können, wie er Gott immer wieder erlebt hat, wie er gestützt worden ist, wie er Gott erfahren hat als Fels und Burg, wohin er sich zurückziehen konnte, wenn er bedrängt wurde … Manchmal tönen seine Worte wie «do ut des» («ich gebe, damit du gibst») – ich habe mich für dich, Gott, eingesetzt, jetzt revanchiere dich und gib mir bitte alle nötigen Kräfte, damit ich weiterhin der sein kann, der ich doch eigentlich, trotz meines Älterwerdens, bin. Aber dann schaut er noch einmal genau und erkennt, dass alles in seinem Leben von Gott geschenkt war, mit und ohne sein Zutun, erwartet oder überraschend, wie er ihn in schwierigen Zeiten begleitet und beschützt hat. Daraus schöpft er Vertrauen, dass er auch jetzt mit Gottes Beistand rechnen darf. Er kann das, was er erlebt und erfahren hat, als starke Gotteszeichen sehen. Da wird der Psalmbeter unerwartet zu einem Vorbild.

Von: Hans Strub