10. April

Der HERR sprach zu Jakob: Siehe, ich bin mit dir
und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. 1. Mose 28,15

Jakob hat ein Traumgesicht, in dem ihm Gott erscheint. Es ist ein merkwürdiges Bild, das in der jüdisch-christlichen Kultur grossen Eindruck hinterlassen hat. Jakob sieht die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Es ist eine Leiter (oder eine Treppe), auf der Engel auf- und absteigen. Auf der obersten Stufe steht JHWH und verspricht Jakob seinen Beistand. Jakob wird zum Erben des Segens, den Gott Abraham gegeben hat. Das ist alles andere als selbstverständlich. Zwar ist Jakob Abrahams Enkel, aber eigentlich wäre der ältere Bruder Esau Träger der Verheissung und nicht er. Jakob ist also einer, der sich in der Reihe vorgedrängelt hat – und doch hält Gott zu ihm. Und was ist die Moral der Geschichte?
Die Antwort gibt Jakob, nachdem er aus seinem Traum erwacht ist. Er weiss, dass er seinen Bruder übers Ohr gehauen hat, aber er will dennoch die Versöhnung mit ihm. Jetzt verheisst ihm Gott die Heimkehr. Also legt er ein Gelübde ab: «Wenn du dein Versprechen erfüllst und ich in Frieden heimkehren kann, sollst du mein Gott sein.»
(Genesis 28,20 f.) Eigentlich ist das ziemlich dreist, oder?
Aber es passt zu Jakob, der vierzehn Jahre später an einer Furt mit Gott ringt, wieder seine Chance packt und Gott im Ohr liegt: «Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.»

Von: Ralph Kunz

9. April

Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott; denn Gott ist im Himmel und du auf Erden, darum lass deiner Worte wenig sein. Prediger 5,1

Die Kunst des Betens ist, das Hören zu erlernen; also weniger zu sagen «Schweige, Gott, dein Diener redet», als zu sagen «Rede, Gott, dein Diener hört». Es ist schwer, fürwahr.
Darum übe ich das Hören am lebenden Menschen und dazu habe ich eine lange Ausbildung gemacht, die im Wesentlichen darin besteht, das Zuhören zu lernen in Begleitung und Seelsorge. Denn das Herz eilt, es ist voller eigener Geschichten und eigenen Ergehens; so voll, dass man fast nicht glauben kann, dass andere auf andere Art hören, denken, fühlen und erleben.
Als es mir selbst einmal richtig schlecht ging, sagte der Psychiater, den ich aufsuchte, zu mir: «In Ihrer Haut möchte ich nicht stecken.» Noch selten hatte ich mich in meinem Leben so verstanden gefühlt. Hier sprach einer, nachdem er mir zugehört und mich verstanden hatte.
Ich hoffe, dass das Einüben der Stille und des Hörens auf Gott auch meinen Sinn schärft für die Themen, die mir zu Gehör gebracht werden von denen, die ich begleite.
Der Prediger jedenfalls ermutigt mich in dieser Hinsicht und es kommt vor, dass manchmal, beim gemeinsamen Verweilen vor Gott, der Himmel die Erde berührt.

Von: Heiner Schubert

8. April

Bedrückt nicht die Witwen, Waisen, Fremdlinge
und Armen! Sacharja 7,10

Es geht auch heute beim Bibelwort weiter mit den Fremdlingen. Bedrückt sie nicht mit noch mehr Auflagen, Forderungen, Formularen, Anpassungswünschen etc., gebt ihnen einfach, was sie zum Überleben brauchen – nicht mehr und nicht weniger. Wenn ich die Geschichten lese, wie Geflüchtete auf offener See hin und her geschoben werden, bis sie untergehen, oder wie Europa sein Grenzregime immer weiter verschärft, dann sehe ich nichts von «gebt ihnen das, was sie zum Überleben brauchen» – vielmehr sehe ich ein «nehmt ihnen noch das Letzte, sonst kommen die immer wieder!»
Ja, unsere Welt ist verdammt ungerecht, einige wenige besitzen Milliarden und andere keinen Dollar pro Tag. Es ist zum Heulen. Und dann sind da noch jene, die andere Länder «übernehmen» wollen … Für mich ist diese Welt erst im Göttlichen angekommen, wenn alle frei sind, wenn Liebe strömt und wenn die Hoffnung wächst.
Ja, ein frommer Wunsch, mögen Sie sagen, aber ich brauche diese drei Visionen, um die Liebe zum Leben nicht zu verlieren. In jedem Menschen kann uns Jesus begegnen! Nehmen Sie diese Aussage einmal mit, wenn Sie abends unterwegs sind und Sie am Bahnhof von einem «Fremdling» angesprochen werden. Möge Gott Sie führen und leiten!

Von: Markus Bürki

7. April

Der HERR schafft Recht den Waisen und Witwen und hat Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gibt. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben. 5. Mose 10,18–1

Fremdlinge – ein lustiges Wort. Mir kommen da viel eher Wörter wie Ausländer, Flüchtlinge oder «die Anderen» in den Sinn. Unsere Gesellschaft kämpft sich aktuell sehr ab an der Höhe der Mauer, die um das eigene Land gestellt werden soll, oder an der Frage, wie viel Geld in was gebuttert werden soll.
Fremdlinge stören, sie bringen die falsche Kultur, das falsche Verständnis, die falsche Religion und die falsche Arbeitsmoral – die dürfen schon kommen, aber sie müssen sich halt auch ein wenig anpassen, und wenn sie das nicht machen, dann sollen sie heimgehen. Hören Sie auch solche Stimmen und Voten, liebe Lesende? Oder gehören Sie zu denen, die solches manchmal denken oder gar sagen?
Grenzen verletzen. Die Grenzen im Kopf und die um ein Land herum. – Gott setzt keine Grenzen, er (oder sie) gibt Speise und Kleider, und das sollen wir auch tun.
Öffnen Sie Ihre Wohnung für einen Fremdling? Oder Ihr Herz für einen Obdachlosen, der einen Kaffee und eine herzliche Umarmung braucht?
Und öffnen Sie Ihr Herz für diesen Jesus, der keine Mauern gebaut, sondern diese alle sprengen wollte. Jesus ist auf die Erde gekommen und die Institution Kirche hat geantwortet – leider oft herzlos.

Von: Markus Bürki

6. April

Er behütete sein Volk wie seinen Augapfel. 5. Mose 32,10

Das Lied des Mose im Kapitel 32 hat die Form eines Gedichts mit starken Bildern. Dies zeigt sich auch im Losungsvers. In der Geschichte zwischen Gott und seinem Volk gibt es schwierige Phasen. Aber die Zeit der ersten Liebe ist nicht vergessen, und Gottes Treue gilt noch immer. Der Vers erzählt von der ursprünglichen Begegnung. Gott fand sein Volk in der Wüste und gab ihm seinen Schutz. «Er umgab es schützend, kümmerte sich um es.» Und dann heisst es wörtlich: «Er bewachte es wie das Männchen in seinem Auge.» Mit diesem Ausdruck ist die Pupille gemeint. In alter Zeit wusste man: Wenn zwei Menschen einander tief in die Augen schauen, können sie in der schwarzen Pupille des anderen ihr kleines Spiegelbild sehen – ein Männchen (Hebräisch) oder ein Püppchen (Griechisch, Latein). Der Ausdruck steht dafür, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist. Er will das Gegenüber sehen und von ihm gesehen werden. Martin Luther fand für seine Übersetzung die Wendung, die sprichwörtlich geworden ist: behüten wie seinen Augapfel. So kostbar und so verletzlich ist das Auge, dass man besonders gut darauf aufpasst. Genau so wertvoll sind die Menschen für Gott. Wenn wir uns als Christen darüber freuen, sollten wir nicht vergessen: Was Gott wie seinen Augapfel behütet, ist in erster Linie sein Volk Israel – auch im Jahr 2026. Denn die biblischen Verheissungen gingen zuerst an das Volk Israel, wo auch die christliche Kirche ihren Anfang nahm.

Von: Andreas Egli

5. April

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Psalm 23,5

Für das Vertrauen auf Gott wählt der Psalm starke Bilder. Im ersten Teil vergleicht er Gott mit einem Hirten, der seine Herde auf ihrer Wanderung begleitet. Dies wird in der hebräischen Bibel über das ganze Volk Israel gesagt. Neu ist im Psalm, dass der Beter es auf sich als Einzelperson bezieht: «Der Herr ist mein Hirte.» Im zweiten Teil des Psalms erscheint ein anderer Vergleich. Gott ist wie ein guter Gastgeber, bei dem man sich an einen reich gedeckten Tisch setzen kann. Nicht nur mit einem grosszügigen Essen wird der Gast verwöhnt, sondern auch mit einer Wellness-Behandlung – es gibt wohlriechendes Öl für das Gesicht – und reichlich Getränken. Die Abfolge im Psalm spricht von einer Erfahrung, die viele Menschen machen: Es gibt eine Zeit des Unterwegsseins, die schwer ist, weil der Weg durch ein dunkles Tal führt. Aber es gibt auch wieder eine Zeit des Ankommens. Jetzt kann man aufatmen, jetzt werden die wichtigen Bedürfnisse gestillt. Jetzt ist der Einzelne nicht mehr allein, sondern er gehört zu einer frohen Tischgemeinschaft. Dieser Gedanke passt zu Ostern. Die Jünger erkennen den auferstandenen Christus, als sie mit ihm zusammen am Tisch sitzen. Und sie treffen sich wieder zum gemeinsamen Essen, um an ihn zu denken.

Von: Andreas Egli

4. April

Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth! Psalm 84,2

Der Psalm spricht die Heiligtümer an. Dort wohnt Gott. Es wird nicht ganz klar, ob die Menschen in den Raum treten dürfen oder ob sie nur in die Vorhöfe zugelassen sind. So weiss ich nicht, wo genau Gottes Wohnung ist. Aber das scheint mir auch nicht so wichtig. Viel wichtiger ist es, dass ich versuche, auf die Stimme Gottes, der Lebendigen, zu hören. Und das kann ich ohne Heiligtümer, nicht aber ohne Menschen, mit denen ich mich austauschen kann. In meinem Verständnis braucht Gott weder Kirchen noch Kapellen, sondern Menschen, die mit offenen Augen und Herzen festhalten an der Liebe, die uns von der Lebendigen zuteilwird. Und dabei geht es auch darum, immer wieder neu daran zu denken, dass Gott auf der Seite der Armen, der Leidenden, der Unterdrückten steht. Ihnen gilt die Liebe der Lebendigen in erster Linie. Um dies immer wieder neu zu bedenken, brauche ich Menschen, die mit mir unterwegs sind in der Vision, dass Gerechtigkeit und Frieden möglich sind. Das Zusammensein mit Menschen, die diese Vision teilen, ist ein Raum, den ich als Heiligtum erlebe. Denn es entsteht neue Kraft und neue Hoffnung.
Darum: Gesegnete Ostern mit einem Lachen und dem Glauben an das Leben.

Stärke und erneuere du unsere Hoffnung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. April

Lobt den HERRN, alle Völker!
Rühmt ihn, ihr Nationen alle! Psalm 117,1

Es ist gerade etwas schwierig in meinem Kopf. Ich bin in tiefer Trauer verbunden mit all den Menschen, die unter der Brandkatastrophe in Crans-Montana am Neujahrsmorgen leiden, und den unzähligen leidenden Menschen weltweit. Und gleichzeitig soll ich dem kürzesten Psalm folgen und Gott loben. Es ist Karfreitag, der Tag, an dem wir über den tiefen Inhalt unseres Glaubens nachdenken. Jesus wird umgebracht. Wir glauben, dass sein Tod nicht vergebens ist, sondern dass Ostern wird. Und gleichzeitig bin ich wieder beim Psalm. Meine Trauer ist nicht weggewischt, sie ist da. Ist es die Auseinandersetzung mit Karfreitag, die mir hilft? Ist es die Dankbarkeit für den Einsatz so vieler Menschen bei dieser Katastrophe? Ist es die Lebendige, die mir Kraft schenkt? Loben mag ich nicht. Aber ich kann Gott, der Lebendigen, Danke sagen, dass immer wieder Hilfe Wirklichkeit wird. Ich kann Danke sagen für das Leben, das am Karfreitag eine stärkende Bedeutung erhält. Ich kann im Gebet an all die leidenden Menschen denken. Und ich kann um Gottes Gegenwart bitten.
Sei du heute bei allen Menschen rund um die eine bewohnte Erde, die dich und deine Liebe besonders brauchen.

Von: Madeleine Strub-Jacoud

2. April

Jesus nahm den Kelch und dankte, gab ihnen
den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. Matthäus 26,27–28

Um die Abendmahlsworte hat es nicht nur theologische Auseinandersetzungen gegeben, sondern totale Zwietracht. Die Ökumene leidet an der selbstgemachten Unmöglichkeit eines gemeinsamen Abendmahls. Die Eucharistiefeiern in der Versöhnungskirche in Taizé sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.
Dabei hatte Jesus einen Plan, schlicht und ergreifend:
Alle seine Jünger trinken aus einem Kelch.
Alle Nachfolgerinnen machen es weiter so.
Alle, auch Petrus, der nicht hielt, was er versprach.
Alle, auch Judas, der aus Enttäuschung zu weit ging.
Alle, die im selben Boot sitzen, aber nur schon wegen schlechten Wetters kleingläubig werden (Matthäus 8,26).
Alle, also auch jene, die sich theologisch noch lange nicht einig sind, denen Differenzen noch zu wichtig sind.
Alle, auch gegenwärtige Petrusse, die gross reden und hernach viel Liebe brauchen (Johannes 21,15–17).
Alle, auch gegenwärtige Judasse, die versagen für Geld, die Schuld auf sich laden und Vergebung nötig haben.
Mancherorts gehen einfach alle hin, ohne erst offiziell zu fragen; quasi subversiv, aber ganz in Jesu Sinn.
Wie wäre es heute Abend, morgen Nachmittag und überübermorgen früh?

Von: Dörte Gebhard

1. April

Ich will dir danken in grosser Gemeinde;
unter vielem Volk will ich dich rühmen. Psalm 35,18

«KIRCHE ÜBERFÜLLT» steht auf dem riesigen Schild. Schon in der Strassenbahn war es wie in einer Sardinenbüchse. Jetzt sind sie aus der Nähe zu sehen: die Massen auf dem Vorplatz. Das Schild lehnte am Eingangsportal, jetzt wird es hochgehalten, damit man es von weitem lesen kann. Ein junger Mann redet freundlich, aber sehr bestimmt mit denen, die unbedingt noch hineinwollen. Natürlich wären sie bereit, zu stehen oder am Boden zu sitzen. Das sagen sie immer wieder, aber es nützt ihnen nichts. Wir sind in Westeuropa. Da gibt es Vorschriften. Die Fluchtwege werden frei gehalten. Ein paar Leute geben nicht so leicht auf: Sie sind schliesslich zwei Stunden angestanden! Bei der Hitze! Sie haben sich so lange darauf gefreut!
An deutschen Kirchentagen gibt es diese wundervollen Schilder und diese emotionalen Augenblicke draussen vor der Tür. Ich muss dann enttäuscht nach einer anderen Bibelarbeit Ausschau halten, aber zugleich weiss ich nicht, wohin vor lauter Glück! Weil die Gemeinde so gross ist! In dieser Kirche sind Hunderte Sitzplätze – und sie sind alle besetzt! Da wird Gott gerühmt mit viel Volk! Alle zwei Jahre kommt das vor. Immerhin. Wer in grösserer Gemeinde danken will, geht am besten selbst öfter hin und nimmt jemanden mit. Vielleicht weiss jemand noch nicht oder nicht mehr, wie gut es in der Kirche ist.

Von: Dörte Gebhard