1. Mai

Mich sollst du fürchten und dich zurechtweisen lassen.
Zefanja 3,7

«Fürchte dich nicht!» Der Satz steht mehrfach in der Bibel
und wird auch gerne zitiert. Es ist das Engelswort, das uns
nicht die Angst nehmen kann, aber uns bewegen und verhindern
will, dass wir in unserer Furcht erstarren. Wie die
Hirtinnen und Hirten auf dem Feld sollen wir unsere Skepsis
überwinden und uns aufmachen, um das Wunder, das mitten
in der Welt aufbrechende Himmelreich, das Licht, das
im Dunkeln leuchtet, zu suchen.
Der Prophet spricht ganz anders. Er spricht in eine Welt hinein,
in der die Mächtigen keine Scham kennen, und entwirft
ein Bedrohungsszenario. Gott werde als Zeuge der Anklage
auftreten und «die Fülle seines glühenden Zorns» über der
Welt ausgiessen, von seiner Eifersucht wird «die ganze Welt
gefressen» (Zefanja 3,8).
Dass Städte verheert und Strassen in Trümmer gelegt werden,
wie es der Prophet beschreibt, ist Realität. Auch dass
Regime ihre Macht selbst legitimieren, ohne Scham und
Ehrfurcht vor dem Leben ihre Ordnung zementieren, ist
bittere Wirklichkeit. Dagegen lehnt sich der Prophet auf.
Und so schwingt in seinem Aufruf zur Furcht das «Fürchte
dich nicht!» mit, das der Bibel als roter Faden eingewoben
ist: Gott stützt nicht die Ordnung, die unterdrückt. Seine
Botschaft des Lebens lehrt die Unterdrücker das Fürchten.

Von: Felix Reich

30. April

Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. Psalm 90,4

Der Psalm 90, aus dem dieser Satz stammt, ist vielen als Klagepsalm bekannt, der oft bei Beerdigungen zitiert wird. Ich sehe ihn in seiner Gesamtheit, in der Klage über die Vergänglichkeit menschlichen Lebens. «Ist es nicht furchtbar, dass wir sterben müssen?», meint der Verfasser und fügt hinzu, dass dies nur mit Gott zu tun haben kann, der unseren Lebensstil bestraft. Aber was sollen wir tun? Wir haben keine Zeit im Verhältnis zu Gottes Ewigkeitsdepot! Was uns zur Verfügung steht, ist, im Verhältnis 365 000 zu eins, viel zu wenig. Viel zu wenig Zeit, um uns gottgemäss zu verhalten! Daher kann der Sünde Sold nur unser Tod sein. Für richtiges Leben scheint die Zeit zu knapp. Stimmt das oder kann die Zeit zwischen Geburt und Sterben, dieser begrenzte Zeitraum, so gefüllt werden, dass wir eine angemessene Beziehung zu Gott aufbauen, der von Ewigkeit zu Ewigkeit besteht? Unsere Zeit bleibt angesichts der tausend Jahre, beziehungsweise der Ewigkeit, eine «Kurzzeitbeziehung». Neudeutsch redet man von einem «Flash». Aber es reicht, sie nicht als Geschwätz, sondern als Leben in Klugheit (Vers 12), mit göttlichen Inhalten, zu gestalten. Nicht Verzweiflung, sondern kluges Leben ist angesagt. Immer gibt es das Risiko, dass wir Zeit auch mit Geschwätz und Grossmannssucht vergeuden! Aber jammern hilft nicht. Helfen wird die angemessene Zuordnung der eigenen zur göttlichen Wirklichkeit. Ein Leben unter der Gnade Gottes.

Von: Gert Rüppell

29. April

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Sprüche 31,8

Im Februar 2025 hat das Thurgauer Parlament einem Syrer die Einbürgerung verweigert – trotz eines früheren Entscheids des Bundesgerichts zu dessen Gunsten.
Der Mann gab nicht auf, er reichte daraufhin mit seinem Anwalt Beschwerde beim Thurgauer Verwaltungsgericht ein. Dieses gab dem Syrer recht. Die Gründe gegen die Einbürgerung seien nicht haltbar, das Thurgauer Parlament muss den Syrer einbürgern. Inzwischen ist allerdings das Gesuch verfallen, es muss neu beantragt werden.
Ich habe das Hin und Her zwischen den Instanzen mit Spannung verfolgt und mich sehr über das Verdikt des Bundes- und des Verwaltungsgerichts gefreut. Der Mann muss einen tüchtigen Anwalt gehabt haben. Ob er Schweizer geworden ist, wenn dieser Text erscheint?
Einen Anwalt, das ist es, was die «Stummen» und die «Verlassenen» brauchen. Allzu oft hört man vom Gegenteil, von Anwälten, die für ihre reiche Klientel den grösstmöglichen Profit heraushauen.
Dabei ist Anwaltschaft eine geradezu göttliche Aufgabe. Im Johannesevangelium wird der Heilige Geist «Paraklet» genannt. Das griechische Wort bedeutet Beistand, Tröster, Fürsprecher. Im Kanton Bern ist «Fürsprech» die Berufsbezeichnung für Advokaten. Möge der Heilige Geist den Fürsprechern und uns allen helfen, für die einzustehen, die sich nicht selber wehren können.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

28. April

Ach, Herr, du grosser und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt und Unrecht getan. Daniel 9,4–5

Kann ich mich auf diesen Vers einlassen ohne Abwehr, ohne voreiligen Widerspruch?
Daniel, der Prophet im Exil im fernen Babylon, kennt Jerusalem und seine katastrophale Zerstörung nur aus den Erzählungen der Alten. Selber schuld? Ja, davon ist er überzeugt.
Aber er ist ebenso überzeugt, dass sein Volk in der Diaspora immer noch Gottes Volk ist. Er ruft nicht einen strafenden, rächenden Angstmacher-Gott an. Nein, er ahnt seine Grösse und Erhabenheit, und er hält sich an seine Treue, umso mehr, als ihm die Schuld seines Volkes bewusst ist. Das ist nicht Angst, das ist Vertrauen. Sind vielleicht Gottesfurcht und Gottvertrauen zwei Seiten derselben Medaille?
Gottesfurcht wird an zentraler Stelle so umschrieben: «Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir, als dass du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, auf allen seinen Wegen gehst, ihn liebst und dem Herrn, deinem Gott, dienst von ganzem Herzen und von ganzer Seele.» (5. Mose 10,12)
Für uns Heutige scheint der Begriff «Gottesfurcht» aus der Zeit gefallen zu sein. Dagegen lehren uns Nachrichten von Krieg und Zerstörung das Fürchten. Wie wäre es, unseren Ängsten die Gottesfurcht entgegenzusetzen?

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

27. April

Seht die Lilien, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch aber, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Lukas 12,27

Gott zeigt seine Herrlichkeit immer wieder: in der Natur, in den kleinen und grossen Wundern. Schauen wir auf die Lilie, sie wächst und gedeiht. Bis zu drei Meter hoch wird die Riesenlilie. Aus einer kleinen Knolle wächst sie und entfaltet ihre Schönheit. So zeigt sich uns Gott. Wir müssen nur Ausschau halten nach den vielen Wundern. Es braucht Neugierde, ein offenes Herz und die Bereitschaft, stehen zu bleiben, hinzuschauen und uns auf die Suche nach der Herrlichkeit zu begeben. Suchen wir immer wieder Gottes Werke? Staunen wir und bemerken, dass Leben nicht selbstverständlich ist? Gott sorgt aktiv für seine Schöpfung, wir Menschen dürfen auch mal loslassen und darauf vertrauen, dass Gott für uns sorgt. Die Schönheit der Lilie, sie ist ein Geschenk, nicht das Ergebnis von Arbeit. Gott kleidet die Lilie mit dem, was sie benötigt, ein. Ihr Gewand wurde bereits gefertigt von Gott, es muss nicht selbst gewebt oder geschneidert werden. In der Liebe zur Lilie hat Gott dies bereits getan. Und so, wie das Kleid der Lilie bereits da ist, so erhielten die Menschen von Gott Gnade, die Zuwendung, die Zusage: Ja, ich sorge für dich. Die Frage ist: Hören wir diese Zusage und erkennen wir, wann und wo uns Gott immer wieder umsorgt, bekleidet und so reichlich beschenkt?

Von: Simon Sigrist-Hellingman

26. April

Gott hat den Menschen aufrichtig gemacht;
aber sie suchen viele Künste. Prediger 7,29

Welchen Fokus setzen wir in unserem Leben? Wie schaffen wir es, immer wieder aufrichtig zu sein und uns korrekt zu verhalten? Wo und wann üben wir uns, aufrichtig und nach Gottes Willen in dieser Welt zu leben? Wann überkommt uns die ach so menschliche Reaktion und wir verfallen den Versuchungen des Lebens, der Macht des Geldes, der Macht der Ablenkung? Unser Losungstext ist das Ergebnis der Forschungen des Predigers Salomo. Es ist eine anthropologische Beobachtung: Wir Menschen sind zwar von Gott aufrichtig und anständig geschaffen, dennoch suchen wir immer wieder nach Ablenkungen statt nach Gott. Wir gehen vielen Künsten, vielen Erfindungen, vielen Begehren nach, statt Gott zu suchen. Wir gehen unseren Leidenschaften nach. Wenn wir uns in unseren Leidenschaften ausleben – der «Ablenkung» nachgehen und nachgeben –, finden wir darin immer wieder Momente, in denen wir stolz, zufrieden oder ganz erfüllt sind. In diesen Künsten – egal ob gestalterisch, musikalisch, poetisch; in unseren Leidenschaften – dürfen wir die Gaben von Gott erkennen. Gott lässt uns wachsen und streben und schenkt uns diese Gaben. Nehmen wir aber auch unseren Prediger Salomo ernst, sodass wir Ziele setzen, die uns helfen können, Gott zu suchen. Setzen wir uns immer wieder den Reiz und das Ziel, aufrichtig auch in unserem Streben nach Gottes Willen zu leben.

Von: Simon Sigrist-Hellingman

25. April

Das Erdreich erschrickt und wird still, wenn Gott sich aufmacht zu richten, dass er
helfe den Elenden auf Erden. Psalm 76,9-10

Mittelalterliche Kirchen wie das Basler oder das Berner Münster stellen den Thronsaal Gottes dar. Über dem Hauptportal ist das Jüngste Gericht dargestellt. Wer eintritt, soll sich und sein Leben prüfen. Denn in der Vierung, wo Längs- und Seitenschiff sich kreuzen, stehen die Gläubigen vor und unter dem Thron dessen, der als letzte Instanz richtet. Die dort stehen, sollen sich klein vorkommen; sie sollen nicht meinen, sie könnten den Richtspruch des Ewigen in Frage stellen. Sie sollen in Demut niederknien und Gottes Urteil annehmen.
Die Rede vom Jüngsten Gericht befremdet heute viele. Doch die Elenden tröstet sie. Sie macht denen Hoffnung, die ganz unten sind und meist absichtlich unten gehalten werden. Sie richtet diejenigen auf, die niedergeschmettert sind, die um ihr Recht und um ihr Leben gebracht werden. Die kein Ansehen haben, nicht respektiert werden, können sich darauf verlassen, dass Gott sie sieht und ansieht. Und endlich Recht spricht.
Wir, die wir in Umständen leben, die aufgrund von Ungerechtigkeiten so komfortabel und sicher sind, gehören zu denen, die erschrecken und still werden sollen. Um uns dann wenigstens dort, wo wir es können, für die Gerechtigkeit Gottes einzusetzen.

Von: Benedict Schubert

24. April

Pflüget ein Neues und säet nicht unter die Dornen! Jeremia 4,3

Auf geht’s! Und ich versuche Worte für das Pflügen zu finden – brecht die brachliegende Erde auf oder reisst die feste Kruste auf – und in mir macht sich Widerstand breit. Natürlich weiss ich, dass das Ausstreuen von Samen nur geht, wenn die Erde weich ist, sich offen zeigt für das, was da wachsen könnte. Du kannst ja auch nicht aus einem Heissluftballon über einem Fussballstadion 10 000 Flyer mit Gottes Wort werfen. Also kannst du schon. Und dich dann ebenso freuen, dass du sie nicht wütend zurückgeworfen bekommst. Also doch erst richtig den Boden durchpflügen?
Nur – so wie das Wort Pflügen eine durchaus kräftige und auch revolutionäre Tätigkeit beschreibt, bei der das Untenliegende nach oben kommt und das Obere gewaltsam zerstört wird, so ist auch die Geschichte der Kirche leider nicht frei von genau dieser Art des Pflügens. Sei es in den Kreuzzügen oder in der Missionsbewegung. Vielleicht ist die Zeit des Pflügens und auch des grossflächigen Streuens vorbei. Zumindest sollten wir nicht weiter von oben herab die Menschen mit Worten bewerfen. Auch Jesus ist ja nicht als Himmelsgott zu uns hinabgekommen, sondern als ein Mensch, der ins Stadion geht, Feste feiert und Fische angelt – und manchmal auch Menschen, die ihn spannend finden, die im Gespräch mit ihm etwas spüren, das sie begeistert. Dazu braucht es Vertrauen – dazu reicht Vertrauen, wenn auch wir andere von unserem Glauben begeistern wollen.

Von: Jan Simowitsch

23. April

Der Himmel ist der Himmel des HERRN; aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben. Psalm 115,16

Danke! – Und nun haben wir den Salat.
«Denn sie wusste nicht, was sie tat», als sie uns die Erde anvertraute. Wir dagegen wissen es schon, was wir der Erde und allen Lebewesen hier antun. Wie wir kontinuierlich an der Zerstörung des Planeten arbeiten, sei es mit dem Plündern aller natürlichen Ressourcen aus reiner Gier oder dem Nutzen von Waffen mit dem Zweck, andere zu töten.
Wenn das hier nach der Vertreibung aus dem Paradies unsere zweite Chance ist, dann haben wir sie gründlich vermasselt! Dagegen war der Biss in den Apfel nichts. Vergesst alle Schlangen und schaut auf uns, die Menschen!
Oder wusste sie doch, was sie tat?
Der Psalm ist ein Lobvers voller Vertrauen. Auf uns ruht der Segen des Herrn. Steht da. Wirklich! Das ist wohl kaum auf unser Tun bezogen. Aber wenn der Segen tatsächlich immer noch auf uns liegt und Gott uns nach wie vor vertraut, könnte das dann bedeuten, dass wir noch eine Chance haben? Dass wir die Erde und ihre Schöpfung noch retten können? Dass es an unserem zukünftigen Tun liegt, diese Welt für alle Menschen, Tiere und Pflanzen zu einer besseren zu machen? Jetzt dämmert es mir, was es bedeutet, dass Gottes Zutrauen und Liebe zu uns Menschen grenzenlos ist. Sie traut uns mehr zu als wir uns. Das lässt mich hoffen!

Von: Jan Simowitsch

22. April

Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit. 2.Timotheus 3,16

Ein in Österreich lebender koreanischer Pfarrer fragte mich einmal, ob er an der Wiener Uni christliche Pädagogik lernen würde. Ich dachte an die lange Entwicklung der Pädagogik und ihre Loslösung von ihren christlichen Wurzeln – und verneinte. Doch im Gespräch wurde mir klar: Für ihn war vieles von dem, was hier gelehrt wird, zutiefst christlich. Moderne Pädagogik wurzelt nicht nur in der griechischen paideía, sondern auch im biblischen Menschenbild, das die unverlierbare Würde des Menschen, seine Lern- und Beziehungsfähigkeit sowie die Notwendigkeit von Orientierung, Korrektur und Vergebung betont.
Paulus erinnert seinen Schüler Timotheus daran, dass ihm für seinen Auftrag der Lehre und Gemeindeleitung bereits alles Wesentliche gegeben ist. Die Schriften der hebräischen Bibel sind ihm vertraut – und Paulus beschreibt sie mit Begriffen, die zutiefst pädagogisch sind: Lehre, Zurechtweisung, Besserung und Erziehung.
Das Ziel ist Persönlichkeitsbildung und Erziehung zur Gerechtigkeit. Letztere beginnt im Lernen von Empathie, zeigt sich im Schutz der Schwachen und mündet in ein Verständnis von Gerechtigkeit, das mehr meint als Gleichbehandlung, nämlich Chancengerechtigkeit, damit Leben gelingen kann.

Von: Barbara Heyse-Schaefer