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Eine Stimme haben – Helvetia predigt!

50 Jahre ist es her, dass die Schweizer Männer den Frauen das Stimm- und Wahlrecht zugestanden haben. Aus diesem Anlass rufen die Kirchen zu einer ökumenischen Aktion auf: «Helvetia predigt!» Am 1. August, einem Sonntag, sollen in möglichst vielen Kirchen Frauen predigen und den Gottesdienst gestalten. Gabriela Allemann, Pfarrerin und Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz, hat für die Bolderntexte eine zum Anlass passende Predigt verfasst. Sie richtet sich an die Leserinnen, aber die Leser dürfen sie gerne ebenfalls zur Kenntnis nehmen!

 «Sprich bitte lauter!» Bestimmt haben viele von Ihnen, liebe Leserinnen, diese Ermahnung als Mädchen gehört. Unsere Stimmen waren leise, wir wurden nicht richtig gehört. Auch meine eine Tochter muss immer wieder von den Lehrpersonen dazu aufgefordert werden, lauter zu sprechen. Das Thema ist also nicht einfach von gestern. Es ist nach wie vor aktuell und beschäftigt Mädchen von heute. Sie müssen, wie ihre Mütter und Grossmütter, lernen, ihrer Stimme zu vertrauen, zu ihr zu stehen. Sie laut und deutlich zu erheben und einzubringen in die Diskussionen.

Ich weiss nicht, wie es ist, nicht wählen und abstimmen
zu dürfen. Schon als Schulkind wusste ich, dass ich als Frau eine politische Stimme haben werde und diese genauso viel zählt wie diejenige meiner oft als zu laut gerügten männlichen Klassenkollegen. Bei einigen von Ihnen wird das anders gewesen sein. Vielleicht erinnert sich die eine oder der andere unter Ihnen an diese Zeit, als in den 50er-Jahren in der Schweiz intensiv über das Recht der Frauen auf politische Partizipation gesprochen und infrage gestellt wurde, dass die Hälfte der Bevölkerung einzig aufgrund des Geschlechts von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen war. An der Abstimmung 1959 wurde das Ansinnen des Frauenstimmrechts von den Männern abgelehnt. Erst 1971, nach den allgemeinen Aufbrüchen Ende der 60er-Jahre, konnte ein Ja gefeiert werden.

In den Kirchen und Kirchgemeinden war es vielerorts
anders. Frauen konnten stimmen, wählen und zum Teil auch gewählt werden. Das ist eine sehr erfreuliche Tatsache, eine, die auch verwundert, sind es doch Texte der Bibel, die lange Zeit auch in weltlichen Belangen starken Einuss hatten, die Meinungen prägten und Männer und Frauen in engen Geschlechterrollenkorsettts einschlossen.

Einer der wesentlichsten unter diesen Texten ist eine kleine Passage aus dem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth, die Verse 14,34–35: «Die Frauen sollen in den Gemeindeversammlungen schweigen. Es ist ihnen nicht erlaubt zu reden, sie sollen sich vielmehr unterordnen, wie es auch das Gesetz sagt. Wenn sie etwas lernen wollen, sollen sie zu Hause die eigenen Männer fragen. Denn es ist für eine Frau entehrend, in der Gemeindeversammlung zu reden.» (Bibel in gerechter Sprache)

Forschende gehen davon aus, dass diese kurzen Sätze erst
nachträglich in den Korintherbrief eingefügt wurden, was sie aber nicht weniger wirkmächtig macht. Sie reagieren auf eine Realität in den urchristlichen Gemeinden, die nicht allen genehm war. Denn Frauen nahmen das Erbe Jesu ernst, der sich ihnen zugewandt und in ihnen Töchter Gottes gesehen hatte. Sie waren aktiv in den Gemeinden, übernahmen Leitungsaufgaben. Sie sprachen in den Versammlungen, sie legten die Schriften aus, sie redeten in Zungen, sie beteten vor. Dies zeigen Aussagen des Apostels Paulus, z. B. dazu, wie sich Frauen bei ihrem Auftreten zu kleiden hatten.

Frauen taten, was auch Männer taten. Wir können uns die Situation in den urchristlichen Gemeinden ungefähr zwan
zig Jahre nach Jesu Tod als gleichberechtigt vorstellen, was die Möglichkeiten der Mitwirkung in der Gemeinde betraf.

«Nicht Mann, nicht Frau, nicht Sklave oder Freie, nicht Grie- chin oder Hebräer» diesem Motto aus dem Galaterbrief
versuchten die Gemeinden nachzuleben, in ihrem Alltag und in ihren gottesdienstlichen Versammlungen. Es ist aber im Brief an die Korinther bereits angedeutet, dass es Fragen zur Ordnung gab. Und es ist auch erwiesen, dass dem Apostel Paulus Ordnung wichtig war, in den Versammlungen, in den Gemeinden; zur Ehre Gottes und auch des Rufes wegen, den die Gemeinden zu wahren hatten.

Wir alle wissen um diese Spannung: Neues ermöglichen, Neugier und Vertrauen auf der einen Seite. Altes bewahren, Angst auf der anderen Seite. So wird es wohl auch in den christlichen Gemeinden gewesen sein. Waren bei Paulus die Neugier und die Geistkraft und wohl auch die Erwartung stärker, dass der Auferstandene sehr bald zurückkommen würde, so waren es zwanzig Jahre später die Angst und das Bedürfnis nach Kontrolle. Der Wunsch, die Gemeinden zu reglementieren, sie in Bestehendes einzupassen und gegen aussen nicht aufzufallen. So sind auch die nachpaulinischen Gemeindebriefe einzuordnen, welche das herrschende patriarchale Familienbild einerseits auf die christliche Gemeinde und anderseits auf die Beziehung des Menschen zu Gott und Christus übertrugen. Sie bewirkten einen wohl heftigen Rückschlag in einer Bewegung, die Rollenzuschreibungen aufgebrochen hatte, die es gewagt hatte, ernst zu machen mit der Gleichheit der Menschen, zumindest der Christusgläubigen.
Und sie hatten fatale Folgen in der Geschichte der christ
lichen Kirche. Mit ihnen wurde unter anderem legitimiert, dass einzig Männer liturgische Leitungsaufgaben übernehmen durften, in der katholischen und der orthodoxen Kirche bis heute.

Ich bin den Frauen und Männern –, die sich eingesetzt haben für Veränderung, sehr dankbar. In den Kirchgemeinden und Kirchen antworteten sie mit jenen biblischen Aussagen, die von der Gottesebenbildlichkeit von Mann und Frau, von der Berufung auch von Frauen in die Nachfolge Christi erzählen. Sie wussten um ermutigende Geschichten von Frauen, welche sich eingaben, mit ihren Meinungen, ihren Fähigkeiten. Sie vertrauten auf die göttliche Kraft, die sie bekräftigte in ihrem Einstehen für die Fülle des Lebens für alle Menschen.
So ist es vielleicht auch zu verstehen, dass den Kirchge
meinden eine progressive Rolle zukommt, dass sie Vorreiterinnen waren auf dem Weg zum allgemeinen Frauenstimmrecht: Hier wurde die Auseinandersetzung um die Werte, die hinter gewissen Rollen stehen, mehr oder weniger offen geführt.

Gemeinsam sind Männer und Frauen auch heute unterwegs, hin zu einer Gemeinschaft, in der Gleichwürdigkeit gelebt wird. Im Wissen, dass wir noch nicht am Ziel sind, sondern weiter einstehen müssen für Veränderungen. Nach 50 Jahren Frauenstimmrecht fragen wir: Wessen Stimme hören wir heute nicht? Wem wird sie verweigert? Vielleicht auch: Wer ist übermässig laut? Und was braucht es, damit Menschen sich trauen, ihre Stimme einzubringen? In Kirche und Gesellschaft? «Sprich bitte lauter» reicht nicht als Ermutigung.

Am 1. August, dem Tag, an welchem die Schweiz ihren Geburtstag feiert, stehen hoffentlich in vielen Gemeinden Frauen auf der Kanzel oder hinter dem Abendmahlstisch. Orte, wo bis vor nicht allzu langer Zeit fast ausschliesslich Männer standen, nach hoffnungsvollen Aufbrüchen im Urchristentum. Frauen gestalten den Gottesdienst oder die Predigt. Sie setzen mit ihren Stimmen ein Zeichen für eine Kirche, die um ihre Vielfalt weiss und diese schätzt. Eine Kirche, die ernst macht damit, dass in Christus weder Geschlecht, noch Nationalität, noch sozialer Status eine Rolle spielt.

Dafür können auch die Männer, die am 1. August Dienst
tun, mit ihren Worten, ihrer Stimme einstehen. Denn Par- tizipation, die Frage also, wer mitreden und mitbestimmen kann, geht uns alle an. Unseren Glauben und unsere Taten. Amen.

 

 

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