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Der Mittelteil dieser Ausgabe

1904: Frauen fordern Rechte in der Kirche

Am 7. Februar 1971, also vor 50 Jahren, entschieden die
Schweizer Männer ein letztes Mal allein über eine Angelegenheit,
die grundsätzlich die Frauen betraf: das Stimm- und
Wahlrecht für Frauen. Diesmal war es anders als bei früheren
Abstimmungen, weil manche Kantone inzwischen bereits
vorgespurt und entschieden hatten. Auch in der Reformierten
Kirche war in dieser Beziehung schon einiges geschehen.
Ein Beispiel dafür ist das folgende Dokument, das im Buch
«Unerhörte Worte», erschienen ist (Doris Brodbeck, Hg.,
eFeF-Verlag, 2003).
Das kirchliche Frauenstimmrecht, das zunächst nur das passive
Stimmrecht und nicht auch die Wählbarkeit von Frauen
in kirchliche Gremien meinte, wurde wie die Wählbarkeit
von Frauen in Schulkommissionen und Armenpfl ge schon
um die Wende zum 20. Jahrhundert öffentlich diskutiert. Der
Bund Schweizerischer Frauenvereine (BSF) reagierte 1904 auf
den entsprechenden Tagungsordnungspunkt der Schweizerischen
Reformierten Kirchenkonferenz in Frauenfeld mit einer
Eingabe, die von einer gesonderten Eingabe des Taglöhnerinnenvereins
unterstrichen wurde. Das Anliegen des BSF
wurde an der Versammlung vom Berner Delegierten, dem
Kirchenrat Prof. Fritz Barth (1856–1912), einem engen Berater
und Freund der BSF-Präsidentin Helene von Mülinen, vertreten.
Die beiden Eingaben wurden in der Frauenzeitschrift
«Berna» und als Extrablatt verbreitet.
An die Schweizerische Reformierte Kirchenkonferenz in
Frauenfeld im Namen des Bundes Schweizerischer Frauenvereine
Wegmühle bei Bern, 8. Juni 1904
Sehr geehrter Herr Präsident! Hochgeehrte Herren!
Der unterzeichnete «Bund Schweizerischer Frauenvereine»
hat an seiner Generalversammlung in Genf vom 10. und 11.
Oktober 1903 einstimmig beschlossen, für das Stimmrecht
der Frau in der Evangelisch Reformierten Kirche der Schweiz
einzutreten und dasselbe zu befürworten, wo sich irgend
Gelegenheit dazu biete. Mit Freude haben wir nunmehr in
Erfahrung gebracht, dass die Schweiz[erische] Reformierte
Kirchenkonferenz in Frauenfeld das kirchliche Stimmrecht
der Frau in die Traktanden ihrer Verhandlungen aufgenommen
habe, und wir begrüssen dankbar die von Hrn. Kirchenratspräsident
Dr. Scheller in Kilchberg dafür aufgestellten
und bekannt gegebenen Th sen. Welch warmen und
überzeugungstreuen Anteil die Frau an ihrer Kirche nimmt,
braucht wohl nicht dargelegt zu werden, alte und neue Zeit
zeuge laut und eindringlich dafür. Wenn wir nun darum
einkommen, dass Pfl chten und Rechte der Frauen erweitert
werden und ihnen auch ein nach aussen tätigerer Anteil im
Leben der Kirche gestattet sei, so tun wir das nicht nur, weil
es als eine Forderung der Gerechtigkeit erscheint, sondern
besonders deshalb, weil unsere Kirche uns lieb ist und wir
ihr dienen möchten mit allem, was Gott uns an Kräften
des Gemüts, des Verstandes und der Einsicht verliehen hat.
Wir glauben nicht, dass Gott, der sich durch den Mund
des Apostels ein Gott der Freiheit nannte (vgl. 2. Korinther
3,17), den Stillstand im Wachstum seiner Kinder vorgesehen
und gewollt hat, und wenn frühere Zeiten und gewisse Verhältnisse
Einschränkungen in der Betätigung der Frauen in
der Kirche notwendig machten oder erklären, so wissen wir
doch, dass es Gottes Absicht ist, uns von Klarheit zu Klarheit
und von Kraft zu Kraft zu führen. Wir glauben, dass die
Kirche fast allerzeiten schwer gelitten hat unter dem Mangel
der Mithilfe der Frau, dass zumal die soziale Frage und
der Klassenhass sich nie so scharf und bitter hätten ausgestalten
können, wenn es ihr vergönnt gewesen wäre, freier
und eingreifender mitzuarbeiten. Es schwebt uns in jeder
Gemeinde das Ideal einer Schar von Frauen vor, die Hand
in Hand mit dem Geistlichen im innern und äussern Dienst
der Kirche stehen, indem sie sowohl an der Vertiefung in
das Wort Gottes, als an der Armen- und Sittenpflege des
Volkes mitwirken. Uns Gelegenheit zu schaffen, Gott mehr
in seiner Kirche zu dienen als bisher, erbitten wir von Ihnen,
hochgeehrte Herren, und entbieten Ihnen achtungsvollsten
Gruss in Christo.
Im Namen des Bundes Schweizerischer Frauenvereine
Die Präsidentin: Helene von Mülinen
Für die Sekretärin: Clara Stettler-von Fischer, Vizepräsidentin
 

 

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