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Der Mittelteil dieser Ausgabe

Nimm das Leben an wie ein Glas Wasser

Der ökumenische Verein Oeku – Kirche und Umwelt setzt sich dafür ein, dass Kirchgemeinden ihre Verantwortung für die Schöpfung wahrnehmen. Im September und Oktober ruft Oeku jeweils auf zur «SchöpfungsZeit», die mit verschiedenen Anlässen begangen wird. Dieses Jahr steht das Wasser im Zentrum. Der Theologe Kurt Zaugg-Ott, Leiter der Fachstelle, hat dazu den folgenden Text verfasst.

«Meine Schwester, mein Bruder, hab keine Angst. Lass dich ein auf den Tag, der heute beginnt. Nimm ihn an, wie ein Glas Wasser, das ein Unbekannter für dich bereitgestellt hat; es steht auf dem Nachttisch, wenn du aufwachst. Nimm diesen Tag des Lebens. Er ist da, vor dir. Nimm ihn an, auch wenn du nicht weisst, warum du ihn bekommen hast. Nimm ihn, ohne es dir zu erklären. Nimm ihn ohne Scham. Nimm ihn mit Dankbarkeit. Er ist da, in deiner Reichweite, für dich. Er wartet auf dich. Die Liebe Gottes hat ihn dir gebracht, auf Zehenspitzen. Die Liebe Gottes überlässt ihn dir, vor dir, für dich. Nimm ihn ohne Furcht. Du nimmst ihn niemandem weg. Er kommt aus der Quelle des Lebens. Das Wasser der Quelle des Lebens fliesst für alle. Das Wasser der Quelle fliesst für dich. Das Wasser der Quelle fliesst vergeblich, wenn du es nicht trinkst. Meine Schwester, mein Bruder, auch heute, nimm diesen Schluck deines Lebens, nimm ihn und sag nur Amen und Danke.»
Alain Houziaux: Mon silence te parlera. Cerf, 1993, S. 43

Ein erwachsener Mensch besteht zu rund 70 Prozent aus Was­
ser. Über Nieren, Lunge, Darm und Haut scheiden wir täglich etwa zweieinhalb Liter Wasser aus noch mehr bei körper­ licher Anstrengung, bei Hitze oder bei Fieber. So braucht es Wasser, um das Blut über die Nieren täglich etwa dreihundert mal zu reinigen. Der Wasseranteil im Blut sorgt dafür, dass Sauerstoff, Nährstoffe und Botenstoffe transportiert werden. Weil der Mensch Wasser nicht speichern kann, braucht er ständig Nachschub rund zweieinhalb Liter Wasser sollten wir je nach Körpergewicht täglich zu uns nehmen. Ohne Nah­ rung können wir mehrere Wochen überleben, ohne Wasser kommen wir schon nach drei Tagen an unsere Grenzen.

Wer einem Jesusjünger schon nur einen Becher frischen Wassers reicht, dem wird göttlicher Lohn verheissen, heisst es im Matthäusevangelium (Matthäus 10,40–42). Ein Becher
frischen Wassers ist der elementarste Ausdruck von Nächs­ tenliebe. In orientalischen Ländern gehört die öffentliche Wasserstelle mit einem Becher zum Alltag. Der Kirchenvater Johannes Chrysostomos (344–407) hat aus dem erwähnten Vers aus dem Matthäusevangelium – dem Becher frischen Wassers – das «Sakrament der Armen» entwickelt, das nie von demjenigen des Altars (dem Abend­ mahl) getrennt werden darf.

Zugang
zu Wasser gilt als Menschenrecht. Die Agenda 2030  für nachhaltige Entwicklung will neben dem Zugang zu Trink­ wasser, zu Sanitärversorgung und Hygiene den Schutz und die Wiederherstellung von wasserverbundenen Ökosystemen wie Bergen, Wäldern, Feuchtgebieten, Flüssen und Seen för­ dern.

Doch kennt die Bibel das Wasser nicht nur als Quelle des Lebens. Wasser ist ambivalent. Sturm und Flut können Got­ tes Gericht bedeuten. In der Sintflut
(1. Mose 6–9) bricht die chaotische Urflut wieder über die Erde herein. Doch Gott schliesst am Ende einen Bund mit allen Lebewesen und sagt  zu, die Erde nicht mehr zu verwüsten: «Solange die Erde währt, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.» (1. Mose 8,22) Nicht Gott, wir Menschen setzen diese Zusage heute aufs Spiel. Es  drohen zum einen Überschwemmungen und Stürme, zum  andern mehr Dürreperioden und Trockenheit. Es ist diesmal  in menschlicher Verantwortung, dieser bedrohlichen Ent­wicklung Einhalt zu gebieten.

Wasser als Reinigungsmittel ist die dritte biblische Bedeu­ tung von Wasser. In der Taufe wird der Mensch symbolisch von der Sünde freigewaschen. Der alte, sündige Mensch stirbt im Untertauchen und wird im Auftauchen aus dem Wasser durch die Gabe des Heiligen Geistes neu geboren. Wasser ist eine der Voraussetzungen für die Entstehung des Lebens auf der Erde. Es ist kein Zufall, dass verschie­ dene Weltraummissionen versuchen, Wasser auf anderen Himmelskörpern nachzuweisen. Wenn Wasser nachgewie­ sen werden könnte, wäre die Entstehung von Leben auch  ausserhalb der Erde grundsätzlich möglich.



Wir Menschen bestehen zu einem grossen Teil aus Wasser und sind – wie Pflanzen und Tiere auch – auf die ständige Zufuhr von Wasser angewiesen. Wasser macht uns bewusst, dass wir Teil der Schöpfung sind. Wasser ist damit «Gnade», etwas, das unser Leben ermöglicht und das wir nicht selbst  schaffen oder herstellen können. Wasser zu schützen, bedeutet, die Lebensgrundlage von Menschen, Pflanzen und Tieren zu schützen.

«Damit Ströme lebendigen Wassers fliessen» ist das Motto
für die SchöpfungsZeit in diesem Jahr. In den Kirchen benö­ tigen wir Wasser für die Taufe, für Fusswaschungen oder in anderen christlichen Traditionen als Weihwasser. Wenn bib­ lisch von «lebendigem Wasser» die Rede ist, ist fliessendes und nicht stehendes Wasser gemeint. Fliessendes Wasser ermöglicht Leben wie in der Beschreibung der Tempelquelle  bei Ezechiel (Ezechiel 47) und der Offenbarung (Offenba­rung 22).

Wo
können wir heute diese Erfahrung lebendigen Wassers überhaupt noch machen? Schon 1990 waren 95 Prozent aller Quellen im Schweizer Mittelland gefasst. Es gibt kaum noch unberührte Bäche und Flüsse. Der Schutz des Wassers und die Renaturierung von Wasser-­Lebensräumen haben auch eine spirituelle Bedeutung. Denn wenn vom Menschen unberührtes, lebendiges Wasser keine erfahrbare Realität mehr ist, fehlt auch das Verständnis für die bildhafte Realität der biblischen Sprache. Ohne echte Wasser-­Erfahrungen ist das Wort Jesu Christi über «fliessende Ströme lebendigen Wassers» (Johannes 7,38) nur schwer verständlich. Denn eine frei fliessende Quelle ist ein wunderbares Bild für die Schönheit der Schöpfung und das sich fortlaufend erneu­ernde Geschenk des Lebens.

 

«Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser, gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.»

Aus dem Sonnengesang des Franz von Assisi
 

 

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